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Ein kalter Februarabend, 27.000 Zuschauer, ein Flutlicht, das mehr flimmerte als leuchtete - und ein Auftaktspiel, das die 1. Liga Schweiz würdig eröffnete. Der FC Oberwallis besiegte den FC Wil mit 3:2 (1:2) nach einer Partie, die alles bot: Tempo, Nerven, Emotionen - und einen Trainer, der am Ende mehr verschwitzte als seine Spieler. Die erste halbe Stunde gehörte eindeutig den Gästen. Der FC Wil begann, wie man es von einer offensiv ausgerichteten Mannschaft erwartet: mutig, direkt, fast schon frech. Linus Miller, der 31-jährige Linksaußen, traf in der 26. Minute nach einem Pass von Georges Voss eiskalt zur Führung. "Ich wollte einfach mal draufhalten - und dann war der Ball drin. Das passiert mir sonst nur beim Training", grinste Miller später. Oberwallis reagierte prompt. Man merkte, dass Trainer Snore Laken an der Seitenlinie innerlich kochte, auch wenn er äußerlich die Ruhe selbst gab - oder es zumindest versuchte. In der 37. Minute war es dann soweit: Isaac Dennehy, der rechte Mittelfeldspieler mit der Statur eines Mittelstürmers, versenkte den Ball nach Vorlage von Felix Ritter zum 1:1. "Felix hat mich gesehen, bevor ich mich selbst gesehen habe", sagte Dennehy und lachte über seine eigene Formulierung. Doch der Jubel hielt keine 60 Sekunden. Im direkten Gegenzug brachte Luca Martel den FC Wil erneut in Führung - wieder nach Zuspiel von Voss. "Wir waren einfach kurz im Feiermodus", gab Oberwallis-Kapitän Laurent Castel zu. "Da haben wir vergessen, dass das Spiel weitergeht." Mit dem 1:2 ging es in die Pause. Die Zuschauer rieben sich die Hände - nicht nur wegen der Kälte, sondern auch wegen der Spannung. 21 Torschüsse hatte Oberwallis am Ende auf dem Konto, Wil gerade einmal sechs. Doch zu diesem Zeitpunkt sah es nicht nach einem Heimsieg aus. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild. Der FC Oberwallis kam wie verwandelt aus der Kabine. Trainer Laken hatte offenbar die richtigen Worte gefunden. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn wir schon den Ball haben, könnten wir ja auch mal was damit anfangen", erzählte er mit einem Augenzwinkern. Und tatsächlich: In der 49. Minute traf Günter Weller nach Vorarbeit von Kamil Wojciechowski zum Ausgleich. Ein sauberer Angriff über die linke Seite, ein flacher Querpass - und Weller ließ dem Torwart keine Chance. 2:2, und plötzlich lag wieder Musik in der Luft. Danach drückte Oberwallis. Die Hausherren hatten mehr Ballbesitz (51 Prozent), gewannen mehr Zweikämpfe (fast 56 Prozent) und spielten mit einem Einsatz, der die Fans von den Sitzen riss. Wil versuchte, mit Kontern zu antworten, doch die Angriffe wirkten zunehmend fahrig. In der 66. Minute sah Alfonso Gonzalo Gelb, weil er Laurent Castel beim Gegenstoß zu Boden riss - eine Szene, die sinnbildlich für den wachsenden Frust der Gäste stand. Das Spiel schien auf ein Unentschieden hinauszulaufen, bis Patrick Benveniste in der 80. Minute zum Helden des Abends wurde. Nach einem Eckball von Joschua Krause stieg er höher als alle anderen und köpfte den Ball wuchtig ins Netz - 3:2! Das Stadion explodierte. "Ich hab nur kurz die Augen zugemacht und gehofft, dass jemand schreit - und dann hab ich’s wirklich gehört", sagte Benveniste nach Abpfiff schmunzelnd. Die letzten Minuten waren ein Kampf. Wil versuchte alles, brachte noch ein paar Schüsse zustande - doch Torwart Grigorios Christopoulos blieb standhaft. In der Nachspielzeit musste Oberwallis-Linksverteidiger Wojciechowski verletzt raus, Lars Wegner kam für ihn. Wenig später sah Niclas Wilhelm von Wil noch Gelb, und dann ertönte endlich der erlösende Schlusspfiff. "Wir haben Moral gezeigt", bilanzierte Trainer Laken. "In der ersten Halbzeit sahen wir aus wie ein Rätsel ohne Lösung, in der zweiten wie die Musterantwort." Gästecoach Jens Bauer hingegen wirkte gefasst: "Wir haben gut begonnen und schlecht aufgehört. Das ist kein Geheimnisrezept für Punkte." Das Publikum verabschiedete die Teams mit Applaus - und einem Gefühl, dass diese Saison spannend werden könnte. Wer solche Spiele schon am ersten Spieltag serviert, darf sich auf eine aufregende 1. Liga freuen. Ein augenzwinkerndes Fazit gefällig? Der FC Oberwallis hat gezeigt, dass man auch ohne Pressing in Halbzeit eins und ohne Glamour in Halbzeit zwei gewinnen kann - Hauptsache, man schießt am Ende ein Tor mehr. Und wenn Snore Laken weiter so ruhig bleibt, wie er es vorgibt, wird er vielleicht der erste Trainer, der mit Gelassenheit Meister wird. 29.05.643990 23:54 |
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Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist.
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