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Es war einer dieser Abende, an denen selbst der Ball nicht wusste, wohin er eigentlich wollte. 41.312 Zuschauer im Stade de Nyon bekamen beim 3:2-Sieg ihres FC Nyon gegen den FC Genf alles serviert: Drama, Leidenschaft, Nervenkitzel - und ein bisschen Slapstick zum Dessert. Der Anpfiff um 20.30 Uhr war kaum verklungen, da ließ Nyon erkennen, wer Herr im Haus ist. Schon nach sieben Minuten prüfte der 19-jährige Louis Herzog den Genfer Torhüter Javier Esteve gleich doppelt. "Ich wollte zeigen, dass ich keine Angst vor großen Namen habe", grinste der Youngster später. Seine Schüsse waren zwar mehr freundliche Grußkarten als Drohbriefe - aber sie setzten den Ton für eine erste Halbzeit, die Nyon dominierte. Mit 17 zu 6 Torschüssen und hauchdünn mehr Ballbesitz (50,0 %) hatten die Gastgeber das Spiel fest im Griff. Genf, von Trainer Pascal Meyer auf Offensive über die Flügel eingestellt, kam zwar oft bis an den Strafraum, dort aber so zuverlässig zum Stillstand wie ein Schweizer Uhrwerk ohne Feder. Die Erlösung für Nyon kam kurz vor der Pause. In der 43. Minute schickte Jerome Tremblay mit einem Zuckerpass Alexandre Greaves steil, der den Ball mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes verwandelte, der schon wusste, dass er heute noch einmal treffen würde. 1:0, die Tribüne tobte, und Trainer Manni Burgsmüller ließ sich zu einem Jubelsprung hinreißen, der jedem Fitnessstudio Ehre gemacht hätte. "Ich hab mir fast den Knöchel gestaucht - aber das war’s wert", lachte der Coach nach dem Spiel. Doch kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da schlug Genf zurück. Rene LaClaire, der bis dahin eher unauffällig Regie geführt hatte, zog in der 48. Minute aus der Distanz ab - und plötzlich stand es 1:1. "Der Ball war gar nicht so gut getroffen", gab LaClaire ehrlich zu. "Aber offenbar wollte er einfach rein." Nyon ließ sich davon nicht beirren. Der Portugiese Duarte Moutinho, der schon in der ersten Halbzeit auffällig viel gelaufen war, traf nach 64 Minuten sehenswert zum 2:1. Maurice Fortin hatte die Vorlage gegeben, und Burgsmüller ballte diesmal nur still die Faust - man lernt ja aus Verletzungsgefahr. Doch Genf weigerte sich, die Bühne kampflos zu räumen. In der 81. Minute kombinierten sich LaClaire und James Wiltshire durch die Nyoneser Abwehr wie durch warme Butter, und Wiltshire schob zum 2:2 ein. Der Gästeblock explodierte, Pascal Meyer schrie sich die Seele aus dem Leib: "Jetzt glaubt dran, Jungs!" Glauben half allerdings nicht gegen Alexandre Greaves. Der bullige Stürmer hatte offenbar noch offene Rechnungen. In der 87. Minute kam der Ball über Rechtsverteidiger Pim Westerveldt zu ihm - ein kurzer Haken, ein trockener Abschluss, und der Ball zappelte zum 3:2 im Netz. "Ich hab einfach draufgehauen", brummte Greaves mit einem Schulterzucken. "Manchmal ist das die beste Taktik." Die letzten Minuten gehörten dem Nervenkitzel. Genf warf alles nach vorn, Meyer brüllte seine Männer in den Angriff, und Nuno Minguez holte sich in der 74. Minute eine Gelbe Karte ab, die er im Nachhinein als "Erinnerungsstück" bezeichnete. Torwart Helmut Robert im Nyon-Gehäuse hielt in der Nachspielzeit noch einen Schuss von Wiltshire - und als Schiedsrichter Bianchi endlich abpfiff, brach der Jubel los. "Das war kein Spiel für schwache Nerven", keuchte Burgsmüller beim Handschlag. "Aber wir haben heute gezeigt, dass wir auch dreckige Siege können." Sein Gegenüber Meyer wirkte dagegen wie jemand, der gerade eine besonders schwierige Sudoku-Aufgabe verloren hat. "Wir haben zu spät angefangen, Fußball zu spielen", murmelte er. "Aber immerhin wissen wir jetzt, wie man Nyon ärgert." Statistisch betrachtet hätte das Spiel auch 5:4 ausgehen können - so viele Chancen ließ Nyon liegen. Doch am Ende zählt nur das Ergebnis: 3:2 (1:0). Zwei Tore von Greaves, eines von Moutinho - und ein Publikum, das sich noch Tage später an die Dramatik dieser Partie erinnern wird. Vielleicht war es kein Fußball für Feingeister, aber ganz sicher einer für Freunde des echten Spektakels. Und wer weiß - vielleicht hat Manni Burgsmüller nach diesem Abend die Choreografie seines Jubelsprungs endlich perfektioniert. 12.10.643987 08:43 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund