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Ein 0:0 der spektakulären Sorte - oder, je nach Blickwinkel, ein 0:0, das man auch als Einschlafhilfe vertreiben könnte. Beim sechsten Spieltag der 1. Liga Ecuador trennten sich Estudiantes Quito und Real Macara torlos. Doch wer nur auf das Ergebnis schaut, verpasst die Geschichte eines Spiels, in dem 47.975 Zuschauer alles sahen - außer einem Tor. Estudiantes-Trainer Oliver Bielefeld hatte vor Anpfiff versprochen, "mutig nach vorn zu spielen". Seine Mannschaft hielt Wort - zumindest bis zum gegnerischen Strafraum. Ganze 14 Mal feuerten die Gastgeber auf das Tor, doch Real-Macara-Schlussmann Inigo Tonel hatte entweder die richtige Hand am Ball oder das Glück eines Mannes, der in der Lotterie gewinnt, ohne ein Los zu kaufen. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", grinste Tonel nach Abpfiff. "Aber ich wusste: Wenn der Ball auf mich zukommt, hilft nur noch beten oder blocken - und beides hat heute funktioniert." Bereits nach drei Minuten setzte Miguel Bertran das erste Ausrufezeichen, ein strammer Schuss aus gut 25 Metern - doch der Ball zischte gefährlich über die Latte. Bielefeld klatschte an der Seitenlinie in die Hände, rief "Genau so!", und die Zuschauer rieben sich erwartungsvoll die Hände. Doch das Muster des Abends war geboren: viel Elan, wenig Präzision. Real Macara, angeführt von einem stoisch gestikulierenden Trainerteam, hatte sich auf das überfallartige Umschalten verlegt. Andres Ze Castro prüfte in der sechsten Minute Estudiantes-Keeper Max Dewey, der den Ball sicher wegfaustete. Danach stellte Macara weitgehend den Spielbetrieb ein - zumindest in der Offensive. Ganze zwei Torschüsse verbuchten die Gäste über 90 Minuten. "Wir wollten das Spiel kontrollieren", erklärte Ze Castro später mit einem Grinsen, das mehr Ironie als Ernst verriet. Tatsächlich kontrollierte Macara vor allem den eigenen Strafraum - und das mit bemerkenswerter Konsequenz. Roger Cauchon, der 33-jährige Rechtsaußen der Estudiantes, wurde zum Inbegriff der Verzweiflung. In der 19., 32., 47., 52. und 76. Minute zog er ab, immer mit Schmackes, immer mit Hoffnung - und immer ohne Erfolg. Nach seinem fünften Versuch trat er frustriert gegen die Werbebande. "Ich hab mich gefragt, ob da ein unsichtbarer Torwart steht", seufzte er später. In der 43. Minute hätte es fast geklingelt: Vicente Valentin köpfte nach einer Flanke von Mario Nani - aber der Ball klatschte an den Pfosten. Das Raunen im Stadion hielt fast eine Minute an, dann setzte sich die Erkenntnis durch: Heute würde wohl kein Treffer fallen. Macara verteidigte tief, manchmal zu tief. In der 89. Minute holte sich Nestor Alves noch eine Gelbe Karte ab, nachdem er Cauchon rustikal stoppte - "Ball gespielt", behauptete Alves danach, "aber der Ball war halt schon weg." Die Statistik sprach Bände: Estudiantes hatte knapp 50 Prozent Ballbesitz, aber fast siebenmal so viele Torschüsse. Macara wiederum gewann deutlich weniger Zweikämpfe (nur 41,6 Prozent), aber dafür die entscheidende Kategorie: die Nerven. In der 71. Minute brachte Bielefeld frischen Wind: Ethan Colquhoun kam für den müde gelaufenen Valentin. Der Kanadier sorgte für Bewegung, doch am Ende blieb auch er ohne Fortune. Sein Schuss in der 81. Minute war sinnbildlich - energisch, präzise, aber direkt auf den Torwart. Nach Abpfiff schüttelte Bielefeld den Kopf. "Wenn man 14 Mal aufs Tor schießt und nichts trifft, dann kann man nur sagen: Wir haben Real Macara zu Helden gemacht." Sein Kollege auf der Gegenseite, der schweigsame Assistent, meinte trocken: "Ein Punkt auswärts ist ein gutes Ergebnis. Vor allem, wenn es keiner erwartet." Die Fans von Estudiantes verabschiedeten ihre Mannschaft dennoch mit Applaus - wohl auch, weil sie spürten, dass an diesem Abend einfach kein Ball rein wollte. Einer rief vom Oberrang: "Kauft euch neue Schuhe!", woraufhin ein anderer antwortete: "Oder ein Tor!" So blieb es beim 0:0, einem Ergebnis, das beiden Teams wenig hilft, aber immerhin Gesprächsstoff liefert. Estudiantes kann sich mit der kämpferischen Leistung trösten, Real Macara mit der Gewissheit, dass man auch mit Minimalismus Punkte holen kann. Vielleicht sagte es ein Zuschauer am besten: "Das war kein Fußballfest, aber ein Lehrstück in Geduld." Und wer weiß - vielleicht fällt beim nächsten Mal sogar ein Tor. 27.03.643987 20:31 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll