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Ein warmer Abend in Quito, 41.578 Zuschauer, ein leicht flirrendes Flutlicht - und ein Heimteam, das von der ersten Minute an so tat, als wolle es die Gäste aus Audaz in die Anden zurückschicken, ohne dass sie sich noch einmal umschauen dürfen. Estudiantes Quito gewann am 15. Spieltag der 1. Liga Ecuador souverän mit 3:0 gegen Sporting Audaz - und das Ergebnis ist beinahe noch schmeichelhaft für die Gäste. Schon nach drei Minuten bebte das Estadio Metropolitano. Jacinto Pelaez, der 33-jährige Stratege im Mittelfeld, fasste sich ein Herz, zog aus gut 20 Metern ab - und der Ball zischte ins rechte Eck. Torhüter Yanik Lessard von Audaz streckte sich vergeblich. "Ich hab’ einfach draufgehalten, manchmal muss man nicht denken", grinste Pelaez später, als hätte er gerade einen lockeren Sonntagsschuss im Park getroffen. Sporting Audaz wirkte danach wie ein Schülerorchester, das plötzlich mit einer Rockband auf der Bühne steht. Estudiantes spielte mit 58 Prozent Ballbesitz und kurzen, präzisen Pässen - Coach Oliver Bielefeld hatte seine Männer perfekt auf "Kurz und knackig" getrimmt. "Wir wollten sie laufen lassen, nicht uns", sagte der Deutsche mit einem süffisanten Lächeln. In der 34. Minute wurde es dann fast schon komisch: Linksverteidiger Alfred Johnsson, der sonst eher als Außenminister der Defensive bekannt ist, tauchte plötzlich im Strafraum auf, bekam den Ball von Pelaez und traf eiskalt zum 2:0. "Ich war eigentlich nur zum Gucken da", witzelte Johnsson später, "aber als der Ball kam, dachte ich: Warum nicht?" Bis zur Pause waren die Rollen klar verteilt. Estudiantes hatte 12 Torschüsse, spielte munter durch die Reihen, während Audaz dreimal halbherzig auf das Tor von Keeper Luca Behrens zielte. Der musste sich fast die Hände warm reiben, so wenig hatte er zu tun. In der zweiten Halbzeit blieb das Bild gleich: Estudiantes kombinierte, Audaz konterte - theoretisch. Praktisch blieben die Gäste harmlos. Der 17-jährige Juan Valentin hatte zwar in der 58. Minute die beste Gelegenheit, doch Behrens parierte lässig. Von der Bank der Gastgeber kam danach nur ein trockenes "Schön, dass er’s wenigstens probiert hat". In der 78. Minute sah Carl Bergmann Gelb nach einem rustikalen Einsteigen, das man wohlwollend als "robust" bezeichnen konnte. Seine Reaktion: ein entschuldigendes Schulterzucken. "Ich wollte nur den Ball - der Ball wollte halt nicht", murmelte er später in die Mikrofone. Den Schlusspunkt setzte Billy Lancaster in der 81. Minute. Wieder war Joseph Logan beteiligt, der unermüdliche Motor auf der rechten Seite. Seine Flanke fand Lancaster, der volley abschloss - 3:0, Feierabend. Das Stadion tobte, die Spieler tanzten, und Oliver Bielefeld legte sich an der Seitenlinie kurz die Hand auf die Brust, als wolle er sagen: "Ja, das war Fußball." Sporting Audaz dagegen wirkte zunehmend ratlos. Trainerstatements blieben spärlich. Einer der Betreuer murmelte nur: "Wir wollten offensiv spielen, aber irgendwie war der Ball nie bei uns." Das fasst den Abend treffend zusammen. Das einzige Highlight für Audaz in der Schlussphase war der verletzungsbedingte Abgang des 19-jährigen Hermann Wagner in der Nachspielzeit - nicht, weil jemand Schadenfreude empfand, sondern weil es überhaupt ein Ereignis war. Für ihn kam Jose Maria Coluna, was das Resultat aber nicht mehr beeinflusste. Am Ende standen 18 Torschüsse für Estudiantes, nur drei für Audaz. Tacklingquote? 58 zu 42 Prozent. Ballbesitz? Fast 60 zu 40. Es war ein Klassenunterschied, den man nicht in Zahlen, sondern in Kopfschütteln messen konnte. "Wir haben heute gezeigt, dass wir mehr als nur kämpfen können", meinte Kapitän Vicente Valentin. "Und dass wir ab und zu auch treffen." Ein Satz, der bei Bielefeld ein Grinsen auslöste: "Ab und zu? Ich hoffe, das wird zur Gewohnheit." Ein lauer Abend, ein klarer Sieg, drei verschiedene Torschützen - besser kann man kaum in die Schlussphase der Saison starten. Und während die Fans von Estudiantes noch ihre Fahnen schwenkten, schlich Audaz vom Platz. Einer der Spieler soll leise gesagt haben: "Sie waren einfach überall." Ja, manchmal ist Fußball so einfach zu erklären. Und wer weiß - vielleicht hat Oliver Bielefeld nach dem Spiel noch leise vor sich hin gepfiffen. Nicht aus Übermut, sondern weil seine Estudiantes an diesem Abend wirklich wie aus einem Guss spielten. 22.04.643994 09:32 |
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Torsten Legat