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Das war kein Fußballspiel, das war eine Lektion in Spielfreude. 36.941 Zuschauer im Delemont-Stadion sahen am Samstagabend, wie der SC Delemont beim 1. Spieltag der 1. Liga Schweiz den SV Wohlen mit 5:0 (3:0) zerlegte - und das mit einem Lächeln auf den Lippen. Trainerin Lena-Marie Temmel hätte sich den Saisonstart wohl kaum schöner malen können. Schon nach sechs Minuten war klar, in welche Richtung das hier gehen würde. Hugo Zabaleta, der quirlige Linksaußen mit dem Hang zum Dramatischen, nahm sich einen Abpraller und drosch den Ball - wie er später sagte - "einfach mal, um zu sehen, ob der Torwart wach ist". Der war es nicht. 1:0. Die Delemont-Fans feierten, als sei das schon der Schlusspfiff. Wohlen hingegen? Die Gäste wirkten, als hätten sie die Anstoßzeit verwechselt. Kaum ein Angriff fand statt, der Ballbesitz (46 Prozent) kam eher durch Rückpässe zustande. Und während Wohlen noch sortierte, kombinierte Delemont weiter nach Belieben. In der 28. Minute legte Dimas Segura, der Mann mit dem magischen rechten Fuß, quer auf Patrick Stern, der trocken ins rechte Eck abschloss - 2:0. "Das war ein Trainingsbeispiel, wie man Räume nutzt", grinste Stern hinterher, während Segura nur meinte: "Ich spiele, was ich sehe - und heute habe ich viel gesehen." Dann kam Benjamin Besson. Der 29-Jährige machte aus dem Abend sein persönliches Fest. Kurz vor der Pause (36.) schlug er erstmals zu, nach schöner Vorarbeit von Zabaleta. "Ich hatte eigentlich gedacht, Hugo schießt selbst. Zum Glück kennt er mich besser als ich ihn", sagte Besson verschmitzt. Zur Halbzeit stand es 3:0, und im Stadion roch es schon nach einem Kantersieg. Die zweite Hälfte begann, als hätte Delemont in der Kabine Espresso statt Wasser gereicht bekommen. Wohlen kam einmal gefährlich vor das Tor - in der 46. Minute, ein Schuss von Jens Adriaenssens, den Delemonts Keeper Jacob Leech mit einem gelangweilten Hechtsprung entschärfte. Danach wieder Einbahnstraßenfußball. In der 66. Minute wieder Besson. Vorlage? Natürlich Zabaleta. Ergebnis? 4:0. Und weil aller guten Dinge drei sind, machte er in der 77. Minute seinen Hattrick perfekt - diesmal nach Pass von Rikki Vedder. 5:0. Der Rest war Schaulaufen. Die Statistik liest sich wie eine Abrechnung: 22:1 Torschüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 54 Prozent Ballbesitz. Delemont spielte offensiv, aber nie kopflos, druckvoll, aber nicht überhastet. Wohlen hatte schlicht keine Antwort. Ihr Trainer - der nach Spielschluss lieber anonym bleiben wollte - soll in der Mixed Zone nur geflüstert haben: "Ich habe schon Albträume von Besson." Lena-Marie Temmel dagegen strahlte über beide Ohren. "Wir haben das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben: Spaß haben und Tore schießen. Ich hätte nur nicht gedacht, dass wir beides so exzessiv tun." Auf die Frage, ob sie nach dem 3:0 in der Halbzeit beruhigend oder mahnend gesprochen habe, lachte sie nur: "Ich habe gesagt: Macht weiter, bis der Schiedsrichter uns rauswirft." Auch Zabaleta, der mit einem Tor und zwei Vorlagen als heimlicher Motor des Spiels galt, zeigte Humor. "Ich wollte eigentlich nach 60 Minuten raus, weil’s langweilig wurde. Aber dann hat Benjamin mich überzeugt, noch ein bisschen mitzuspielen." Bei Wohlen hingegen herrschte betretenes Schweigen. Torhüter Joseph Arndt, der trotz fünf Gegentoren zu den Besseren gehörte, sagte: "Manchmal ist Fußball einfach unfair - aber heute war er ehrlich." Seine Vorderleute hatten da wohl eine andere Sicht, denn schon auf dem Weg in die Kabine wurde lautstark diskutiert, wer eigentlich für Besson zuständig gewesen wäre. Als die Zuschauer nach Abpfiff den Platz verließen, summte die Menge - sinnbildlich gesprochen - im Takt des Sieges. Delemont zeigte, dass Offensive auch in der 1. Liga ein Kunsthandwerk sein kann. Und wer an diesem Abend Augen hatte, der wusste: In dieser Form ist mit dem SC Delemont zu rechnen. Oder, wie ein älterer Fan beim Bierstand sagte: "Wenn das so weitergeht, muss ich mir bald ’ne Saisonkarte kaufen - und ein Wörterbuch für Superlative." Schlusswort? Vielleicht dieses: Es gibt Spiele, die man gewinnt, und Spiele, die man genießt. Delemont tat beides. 30.05.643990 00:20 |
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