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Es war eine dieser Nächte in Cusco, in denen der Wind Geschichten erzählt und die Flutlichter mehr Drama spenden, als mancher Telenovela-Drehbuchautor zu träumen wagt. 40.000 Zuschauer kamen ins Estadio Garcilaso, um Cienciano zu sehen - und sie bekamen alles: frühe Schocks, späte Hoffnung und am Ende den bitteren Nachgeschmack einer 2:3-Niederlage gegen die eiskalten Gäste von Real Iquitos. Fünf Minuten waren gespielt, da zappelte der Ball schon im Netz des verdutzten Heimkeepers Carlos Antunes. Moritz Pare, der bullige Mittelstürmer von Iquitos, hatte nach einer butterweichen Vorlage von Filipe Esclapez keine Mühe, den Ball über die Linie zu drücken. Trainer Jochen Milberg sah da schon aus, als würde er in Gedanken die Aufstellung für nächste Woche umkrempeln. "Wir haben uns wohl gedacht, das Spiel fängt erst mit dem Anpfiff der Hymne an", knurrte er später. Doch es kam schlimmer. In der 23. Minute tanzte Javier Henrico auf der linken Seite die Cienciano-Abwehr aus, bekam den Ball von Marcel Hartmann serviert und traf trocken zum 0:2. Real Iquitos spielte, als hätten sie die Höhenluft von Cusco in Dosen eingepackt. Cienciano dagegen wirkte, als müsste jeder Pass durch zähen Andennebel. Erst kurz vor der Pause erwachte das Heimteam. Diego Makukula, 33 Jahre alt, aber noch mit der Schusskraft eines jungen Vulkans, hämmerte das Leder in der 39. Minute zum Anschluss in die Maschen. Stadion und Mannschaft waren wieder da - zumindest kurz. "Ich dachte, wenn keiner will, dann mach ich’s halt selbst", grinste Makukula nach dem Spiel mit jenem Lächeln, das zwischen Trotz und Stolz pendelte. Zur Halbzeit stand es 1:2, und die Statistiken sagten: mehr Ballbesitz (53 Prozent), aber weniger Zielstrebigkeit. Real Iquitos hatte schon da doppelt so viele Torschüsse (14 insgesamt bis zum Ende, Cienciano nur 8). Nach dem Seitenwechsel kam Cienciano mit breiter Brust zurück. In der 50. Minute gelang tatsächlich der Ausgleich: Nelson Costa, der unermüdliche Linksfüßler, vollendete nach einer sehenswerten Kombination über Jose Maria Da Cru. Trainer Milberg ballte die Faust, und man hörte ihn brüllen: "Jetzt brennt’s bei denen hinten!" - eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte. Denn kaum hatte sich das Stadion richtig gefreut, setzte Real Iquitos wieder zum Gegenschlag an. In der 70. Minute stürmte Linksverteidiger Christiano Ferreira nach vorn, bekam den Ball von - na klar - Moritz Pare und schlenzte ihn ins lange Eck. 3:2 für die Gäste, und man konnte förmlich hören, wie die Luft aus den Cienciano-Trikots wich. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Ferreira später mit einem Schulterzucken, "wenn du zu viel nachdenkst, triffst du nur den Pfosten." Die letzten zwanzig Minuten waren ein wildes Ringen: Cienciano rannte, Real Iquitos konterte, und irgendwo dazwischen verteilte der Schiedsrichter fleißig Gelbe Karten. Besonders Real Iquitos sammelte sie wie Souvenirs - vier an der Zahl, darunter eine frühe für Hartmann und eine späte für Gabriel Williamson, der offenbar vergessen hatte, dass auch Grätschen mit Gefühl erlaubt sind. Milberg brachte frische Kräfte, ließ offensiv spielen, aber Real Iquitos stellte hinten auf Defensive um, zog sich tief zurück und lauerte auf Konter. Taktisch clever, pragmatisch - und am Ende erfolgreich. Trainer Dimak Torpedo, der seinen Namen offenbar als Lebensmotto versteht, grinste nach Abpfiff: "Wir sind Real Iquitos. Wir schießen früh, verteidigen spät und trinken danach kaltes Bier." Cienciano dagegen steht nach dieser Niederlage ratlos da. "Wir hatten alles im Griff - außer das Ergebnis", meinte Makukula trocken. Und tatsächlich: Wer 53 Prozent Ballbesitz hat, aber das Tor nicht trifft, darf sich über verlorene Punkte nicht wundern. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus. Vielleicht, weil sie wussten, dass es kein schlechtes Spiel war - nur eines, das man verlieren kann, wenn der Gegner jeden Fehler gnadenlos nutzt. Real Iquitos hat mit diesem Sieg eindrucksvoll gezeigt, warum sie derzeit zu den unangenehmsten Auswärtsteams der Liga gehören. Cienciano hingegen muss lernen, dass Ballbesitz allein keine Punkte bringt - und dass frühe Gegentore selten eine gute Idee sind. Oder, wie ein alter Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenn du erst nach zwanzig Minuten anfängst zu spielen, hast du eben nur siebzig Zeit, das wieder gutzumachen." Ein Satz, den Trainer Milberg wohl unterschreiben würde - sobald er wieder lächeln kann. 18.03.643994 20:30 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer