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Was für ein Abend im Stade de Colovray! 43.825 Zuschauer sahen ein Spiel, das in zwei völlig verschiedene Hälften zerfiel - und am Ende einen FC Nyon, der sich fragte, ob er in der Pause vielleicht das falsche Team-Trikot angezogen hatte. Nach 45 Minuten führten die Gastgeber noch 2:1, nach 90 stand auf der Anzeigetafel ein niederschmetterndes 2:5 gegen den SC Chiasso. Dabei fing alles so vielversprechend an - zumindest für die Gäste. Schon in der vierten Minute zirkelte Fernando Carvalho eine Vorlage des jungen Innenverteidigers Volker Neumann ins Netz. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Carvalho später, "aber der Ball hatte eigene Pläne." Doch Nyon ließ sich davon nicht schrecken. Zehn Minuten später egalisierte Rafet Adatepe nach feiner Vorarbeit von Sergi Silva. Das Stadion bebte, die Fans sangen, und Trainer Manni Burgsmüller klatschte mit jedem ab, der in Reichweite kam. In der 30. Minute legte der 22-jährige Vitor Costinha nach - ein trockener Schuss aus 20 Metern, Assist von Tobias Arnaud, 2:1! Bis dahin spielte Nyon mit 54 Prozent Ballbesitz, sicher im Passspiel, kontrolliert, fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. "Wir wollten das Spiel diktieren", sagte Burgsmüller. "Leider haben wir vergessen, dass man auch in der zweiten Halbzeit mitspielen muss." Denn nach dem Seitenwechsel verwandelte sich Chiasso in eine rot-blaue Lawine. Der agile Isaac Millington eröffnete den Torreigen in der 58. Minute - wieder nach Vorlage des omnipräsenten Neumann. Nur drei Minuten später traf Carvalho erneut, diesmal bedient von Bruno Runge. Das 2:3 war der Dosenöffner: Nyon wirkte konsterniert, Chiasso spielte sich in einen Rausch. Thomas Claude (70.) und Louis Erdmann (72.) machten den Deckel drauf. Erdmanns Tor war sinnbildlich für den Verlauf. Ein Steilpass von Kyriakos Galitsios, ein kurzer Wackler, und ehe Nyons Torwart Helmut Robert (frisch eingewechselt) reagieren konnte, zappelte der Ball im Netz. "Da war kein Pressing, kein Zugriff, gar nichts", schimpfte Burgsmüller in Richtung seiner Abwehr. "Vielleicht dachten sie, das Spiel sei schon vorbei." Chiassos Trainer Heiko Vogel dagegen strahlte wie ein Kind im Süßwarenladen: "Unsere Jungs haben in der zweiten Halbzeit genau das gemacht, was wir uns vorgenommen hatten: einfach draufhalten." Acht Schüsse aufs Tor, fünf Treffer - eine beeindruckende Quote, auch wenn sie nicht unbedingt für filigrane Angriffskunst spricht. Und dann war da noch Xavi Gonzalez, der wohl dachte, Gelb sei eine Modefarbe. Nach Verwarnungen in der 38. und 77. Minute durfte der rechte Verteidiger vorzeitig duschen. Vogel nahm es gelassen: "Er hat Leidenschaft gezeigt. Etwas zu viel vielleicht, aber lieber so als anders." Nyon versuchte in der Schlussphase noch einmal, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen. Doch die Beine waren schwer, der Kopf leer. Die Wechsel - Jonatan Taube kam für Logan Corraface, später noch Torwart Robert für Riedel - verpufften wirkungslos. Ein letzter Schuss von Ramon Ferron in der 68. Minute rauschte knapp vorbei, dann war’s das. Statistisch gesehen war’s gar nicht so einseitig: Mehr Ballbesitz für Nyon, 5:8 Torschüsse, ein Tackling-Verhältnis von 48 zu 52 Prozent - aber Fußball wird bekanntlich nicht auf Excel-Tabellen entschieden. Am Ende standen die Spieler des FC Nyon ratlos auf dem Rasen. "Wir hatten sie in der ersten Halbzeit im Griff", murmelte Costinha, "und dann… na ja… dann kam Chiasso." Im Gästeblock tanzten derweil die Fans. Carvalho ließ sich feiern und rief in die Mikrofone: "Zweimal getroffen, das ist schön. Aber wichtiger ist, dass wir gezeigt haben, dass Chiasso lebt!" Und wie. Burgsmüller verabschiedete sich mit einem bitteren Lächeln: "Wenn man 2:1 führt und 2:5 verliert, darf man sich nicht wundern, wenn die Journalisten Fragen stellen." Fragen hatten viele, Antworten wenige - außer vielleicht die, dass Fußball manchmal einfach unerklärlich bleibt. Man könnte sagen: Chiasso spielte wie entfesselt, Nyon wie verzaubert. Nur leider war’s kein Zaubertrick, sondern bittere Realität. Und so bleibt dem FC Nyon nur, aus dieser zweiten Halbzeit zu lernen. Vielleicht hilft der Gedanke, dass man ein Spiel auch nach 45 Minuten noch nicht gewonnen hat - egal, wie schön man bis dahin gespielt hat. 14.05.643987 21:50 |
Sprücheklopfer
Schwach wie eine Flasche leer!
Giovanni Trappatoni