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Ein Abend, an dem der SC Chiasso alles traf, was man in einem Lehrbuch "Offensivfußball für Fortgeschrittene" nennen würde. 45 922 Zuschauer im kleinen, aber lauten Stadio Comunale rieben sich am 10. Spieltag der 1. Liga Schweiz verwundert die Augen, als die Heimmannschaft Rot‑Weiss Thun mit einem 4:0 nach Hause schickte - und das hätte sogar noch höher ausfallen können. Schon nach zwei Minuten lag der Ball im Netz. Alejandro Poncela, 32 Jahre jung, aber mit der Frische eines Debütanten, drosch die Kugel nach Vorarbeit des 19‑jährigen Walther Hermann unhaltbar ins rechte Eck. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Poncela später. "Aber er hat mich angeschrien, also hab’ ich einfach draufgehauen." So einfach kann Fußball sein. Thun hatte da noch gar nicht begriffen, dass das Spiel begonnen hatte. Und während Trainer Heiko Vogel an der Seitenlinie mit verschränkten Armen etwas murmelte, das wohl nach "weiter so" klang, begann Chiasso ein Feuerwerk: 21 Torschüsse im ganzen Spiel, während Thun nur ein einziges Mal ernsthaft den Heimkeeper Andre Abati beschäftigte. In der 29. Minute war es dann soweit: Isaac Millington, der rechte Flügelblitzer, verwandelte eine butterweiche Hereingabe von Fernando Carvalho zum 2:0. Der Jubel? Eine Mischung aus Erleichterung und Übermut. Carvalho rief ihm noch auf dem Weg zurück in die eigene Hälfte zu: "Ich hab’ dir gesagt, der Ball findet dich!" - Millington grinste nur und zeigte auf den Himmel. Vier Minuten später, 33. Minute, wieder Hermann. Der Teenager, der aussieht, als würde er noch fürs Abitur lernen, zog aus 20 Metern ab. Der Ball segelte elegant über Thuns jungen Keeper Ronald Christ hinweg - 3:0. "Ich hab’ einfach auf die Wolke gezielt", sagte Hermann schelmisch nach dem Spiel. Heiko Vogel klatschte an der Seitenlinie in die Hände, als wolle er sagen: "Jetzt bloß nicht aufhören." Tat Chiasso auch nicht, im Gegenteil. Die Tessiner blieben offensiv, aggressiv, spielfreudig. Taktisch spielte man "OFFENSIVE", so stand’s auch im Matchreport - aber das sah man schon mit bloßem Auge. Thun, in seiner "BALANCED"-Ausrichtung, sah eher aus, als hätte man die Fernbedienung auf Pause gedrückt. Drei Gelbe Karten für die Gäste - Lucas Group (17.), Lionel Costa (56.) und Stephane Klein (86.) - waren die einzigen Lebenszeichen in einem sonst erschütternd zahnlosen Auftritt. Der zweite Durchgang begann, wie der erste aufgehört hatte: mit einem Tor für Chiasso. Wieder Hermann, diesmal in der 47. Minute. Rechtsverteidiger Xavi Gonzalez legte ihn mustergültig auf, und der 19‑Jährige drückte ihn über die Linie. 4:0 - und damit war die Messe gelesen. Danach spielte Chiasso befreit auf, kombinierte, dribbelte, lachte. "Wir wollten Spaß haben", meinte Trainer Vogel nach dem Spiel. "Und ehrlich gesagt - ich hatte welchen." Auf der anderen Seite stand Thuns Coach, der die Partie lieber vergessen wollte. "51 Prozent Ballbesitz, aber null Wirkung. Das ist wie ein Kaffee ohne Koffein", knurrte er, bevor er Richtung Kabine verschwand. Die Statistik untermauert den Eindruck: 51,7 Prozent Ballbesitz für Chiasso, 21 Torschüsse, eine Zweikampfquote von knapp 60 Prozent. Thun dagegen mit 48 Prozent Ballbesitz, aber nur einem einzigen Schuss aufs Tor - in der 88. Minute, als Patrick Lamarliere wenigstens noch Abati prüfte. "Ich wollte uns nicht völlig ohne Torschuss nach Hause schicken", sagte Lamarliere trocken. Im Publikum herrschte Partystimmung. Einige Fans sangen schon lange vor dem Abpfiff, andere zählten die Minuten, bis Hermann seinen dritten Treffer machen würde. Der blieb ihm verwehrt, aber der Applaus, als er in der 90. Minute jubelnd Richtung Kurve winkte, war ohrenbetäubend. Am Ende war Chiasso alles, was Thun nicht war: mutig, schnell, präzise. Ein Team mit Flügelspiel, das tatsächlich über die Flügel kam, mit einem Mittelfeld, das tat, was ein Mittelfeld tun sollte, und einem Trainer, der seine Mannschaft offenbar so eingestellt hatte, dass sie sogar beim 4:0 noch nachsetzte. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur kämpfen, sondern auch spielen können", sagte Hermann, der zum Mann des Abends gewählt wurde. "Und vielleicht, dass man auch mit 19 schon Spaß haben darf." Rot‑Weiss Thun dagegen wird sich fragen müssen, ob "balanced" wirklich die richtige Beschreibung war - oder eher "überfordert". Ein sarkastischer Fan brachte es beim Hinausgehen auf den Punkt: "Wenn Thun heute einen Bus geparkt hat, dann stand der wohl auf der falschen Seite." Und so bleibt von diesem 4:0‑Abend in Chiasso vor allem die Erkenntnis: Manchmal ist Fußball eben einfach - wenn man ihn so spielt, wie Chiasso an diesem Samstagabend. 03.05.643987 12:30 |
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Schwach wie eine Flasche leer!
Giovanni Trappatoni