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Ein kalter Januarabend, Flutlicht, 47.635 Zuschauer - und ein SC Chiasso, der an diesem 8. Spieltag der 1. Liga Schweiz offenbar beschlossen hatte, Fußball nicht nur zu spielen, sondern zu zelebrieren. Die Gäste aus Solothurn durften immerhin zusehen, wie der Ball in schöner Regelmäßigkeit in ihrem Strafraum zirkulierte. Am Ende stand es 3:0, und ehrlich gesagt: Das war noch schmeichelhaft für Solothurn. Schon in der zweiten Minute knallte Bruno Runge den Ball aus 25 Metern aufs Tor, als wolle er prüfen, ob Solothurns Torhüter Agemar Vaz wach war. War er - zumindest da noch. Doch das sollte sich bald ändern. Chiasso spielte von Beginn an offensiv, aggressiv, mit Flügelspiel und Pressing, das den Gästen kaum Luft ließ. Trainer Heiko Vogel grinste später: "Wir haben gesagt, wir wollen früh draufgehen. Ich wusste nicht, dass meine Jungs das so wörtlich nehmen." In der 17. Minute fiel dann das, was sich längst angekündigt hatte: John Lochiel, 21 Jahre jung, stürmte nach einem präzisen Pass von Walther Hermann durch die Mitte und schob lässig zum 1:0 ein. Der Jubel? Eher Erleichterung - Chiasso hatte bis dahin schon fünf Mal aufs Tor geschossen. Lochiel meinte später schmunzelnd: "Ich hab’ einfach gehofft, dass der Ball diesmal nicht den Flutmast trifft." Solothurn tat, was Solothurn an diesem Abend tat: verteidigen, hoffen, und gelegentlich den Ball verlieren. Ihre Taktik blieb "balanciert", doch das Gleichgewicht kippte zunehmend in Richtung Verzweiflung. Immerhin, Javier Pelegrin versuchte es in der 32. Minute mit einem Distanzschuss - der Ball flog zwar aufs Tor, aber Chiassos Keeper Andre Abati musste sich kaum bewegen. Chiasso dominierte weiter, auch wenn die Statistik mit 50,2 Prozent Ballbesitz fast nach Gleichstand aussieht. Der Unterschied lag im "Wie". Während Solothurn querpasste, kombinierte Chiasso vertikal, schnell, zielstrebig. 18 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache. In der 56. Minute folgte dann der zweite Streich: Thomas Claude flankte butterweich von links, Michel Engel rauschte heran und vollendete volley zum 2:0. Das Stadion tobte. "Ich hab’ gar nichts gesehen", lachte Engel nach dem Spiel, "aber ich hab’ den Jubel gehört - da wusste ich, es war wohl drin." Solothurns Trainer wirkte da schon leicht resigniert. Auf Nachfrage, ob seine Mannschaft noch an eine Wende geglaubt habe, antwortete er trocken: "Wir hatten den Ball auch mal. Kurz." Chiasso ließ nicht locker. In der 70. Minute kam dann auch noch Verteidiger Jamie MacDuff zu seinem großen Moment. Nach einer Ecke von Lionel Santos stand er goldrichtig und köpfte wuchtig zum 3:0 ein. MacDuff grinste nachher: "Ich bin Verteidiger, Tore sind für mich wie Weihnachten - nur seltener." Da war das Spiel entschieden. Solothurn versuchte es noch halbherzig: Enrico Serra (69.) und Marc Turcotte (86.) sorgten immerhin dafür, dass Abati sich nicht langweilte. Doch gefährlich wurde es nie. Zwischendurch gab’s auch Gelb: Bruno Runge (10.) und der junge Lionel Santos (37.) sammelten ihre Verwarnungen ein - Routine im Spielfluss eines Teams, das mit voller Aggressivität agierte. Und dann das kleine Drama in der 23. Minute: Jack McLeod kam für den verletzten Jamie MacDuff - nur um wenige Minuten später selbst angeschlagen liegen zu bleiben. "Ich wusste gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll", murmelte McLeod später. Taktisch blieb Chiasso konsequent offensiv: Flügelspiel, starkes Pressing bei Rückständen - wobei es hier keinen Rückstand gab - und vor allem: Mut. Solothurn dagegen wirkte, als hätte jemand die "Pressing"-Taste ausgeschaltet. Kein Wunder, dass der Ballbesitz zwar fast ausgeglichen war, aber die Zweikampfquote (56 zu 44 Prozent für Chiasso) und die Effektivität Welten trennten. Heiko Vogel bilanzierte: "Das war ein Statement. Wir wollten zeigen, dass wir heimstark sind. Und ich glaube, das haben wir ganz gut hinbekommen." Sein Gegenüber nickte nur und meinte leise: "Ja, zu gut." Als die letzten Minuten liefen und die Tribünen schon "Chiasso, Chiasso" riefen, sah man bei den Spielern fast so etwas wie Spielfreude - diese seltene Mischung aus Selbstvertrauen und Übermut, die man nur hat, wenn alles gelingt. Ein 3:0, das nicht nur auf dem Papier klar war, sondern auf dem Platz deutlich spürbar. Solothurn wird sich schütteln müssen, Chiasso darf träumen - und die Zuschauer gingen mit einem warmen Lächeln in die kalte Nacht. Oder, wie Michel Engel zum Abschluss sagte: "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir bald ein größeres Stadion." Und wer die 47.635 Fans sah, die an diesem Abend alles gaben, der glaubt ihm das vielleicht sogar. 20.04.643987 14:00 |
Sprücheklopfer
Die Flanken von außen sind auch Roberto Carlos und Cafu denen ihre Spezialität.
Andreas Brehme