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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball sich selbst nicht ganz ernst nimmt. 18.441 Zuschauer im Bolum-Stadion erlebten ein Spiel zwischen Bolumspor und Fenehrbace, das alles bot: frühe Tore, einen Platzverweis, hitzige Diskussionen - und Diego Maradona, der an der Seitenlinie wild gestikulierend an seiner Kaugummikunst arbeitete. Am Ende stand ein 3:1 für Bolumspor - verdient, wenn man an Effizienz glaubt, und völlig unverdient, wenn man Ballbesitzstatistiken liebt. Die Partie begann, wie man sie in Bolum nicht alle Tage sieht: mit einem Blitzstart. Schon in der 7. Minute drückte Herold Swartwout nach einem butterweichen Zuspiel von Sreto Veskovac den Ball über die Linie. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der Vorlagengeber später - und niemand im Stadion widersprach ihm. Doch Fenehrbace antwortete prompt. Nur zwei Minuten später zirkelte Kamuran Özari, der mit seinen 34 Jahren noch immer die Ruhe eines Schachspielers besitzt, den Ball nach Pass von Sadullah Tüfekci ins lange Eck. 1:1 - und Maradona ballte die Faust, als hätte er selbst getroffen. "Das war der Moment, in dem wir das Spiel kontrollieren wollten", sagte er später, "aber der Ball hatte andere Pläne." Denn Bolumspor ließ sich nicht beirren. In der 20. Minute war es Apostolos Leontiou, der nach feiner Vorarbeit von Sadun Ercan das 2:1 erzielte. Ein Tor aus dem Lehrbuch - oder zumindest aus dem Teil des Lehrbuchs, in dem es um unorthodoxe Ballannahmen geht. "Ich hab’ ihn eigentlich mit dem Schienbein getroffen", gestand Leontiou lachend, "aber der Ball wollte rein." Fenehrbace hatte mehr vom Spiel - ganze 59 Prozent Ballbesitz und doppelt so viele Torschüsse (12 zu 7) -, aber Bolumspor hatte das, was Trainer Yilmaz Mert später "die bessere Beziehung zum Tor" nannte. Seine Mannschaft war bissig, aggressiv, manchmal zu sehr: Linksverteidiger Bruno Giorgi sah erst Gelb (33.) und dann Gelb-Rot (50.). "Er wollte einfach früher duschen", kommentierte Mert trocken. Auch in Unterzahl blieb Bolumspor gefährlich - und effektiv. Wieder war es Leontiou, der kurz nach Wiederanpfiff (46.) zuschlug, erneut nach einer Vorlage von Veskovac. 3:1, das Stadion tobte, und Maradona drehte sich kopfschüttelnd zur Bank um. "Wir haben gespielt wie Barcelona, aber getroffen wie ein Bezirksligist", seufzte er später. Danach begann Fenehrbace, auf ein Tor zu spielen, das einfach nicht fallen wollte. Edward Hoskins versuchte es in der 25., 41., 48., 49. und 81. Minute - doch immer war ein Bein, eine Hand oder der Zufall dazwischen. Bolum-Torwart Faik Sancakli hielt, was zu halten war, und manchmal auch das, was eigentlich unhaltbar schien. "Ich hatte heute einfach Glück", sagte er bescheiden, während er sich die Schweißperlen aus den Haaren wischte. "Vielleicht sollte ich öfter gegen Maradona spielen." Die Schlussphase gehörte dann den Emotionen. Gelbe Karten flogen, als wären sie Souvenirs: Tüfekci sah eine (86.), der Frust war spürbar. Bolumspor verteidigte tief, mit Herz und Humor. Publikumsliebling Ezequiel Guillen, gerade eingewechselt, versuchte es in der 80. Minute mit einem Schlenzer - und grinste, als der Ball in der dritten Etage landete. "Ich wollte die Fans wachhalten", scherzte er danach. Taktisch war es ein Duell der Gegensätze: Maradonas Fenehrbace spielte balanciert, abwartend, vielleicht zu höflich. Mert ließ seine Jungs offensiv anlaufen, mit kurzen Pässen und viel Herzblut. Das Ergebnis gab ihm recht - auch wenn die Zahlen etwas anderes sagen: weniger Ballbesitz, weniger Torschüsse, weniger Zweikampfquote. Aber eben drei Tore. Nach dem Schlusspfiff umarmte Maradona seinen Kollegen Mert - ob aus Respekt oder Verzweiflung, blieb unklar. "Er meinte, wir hätten Glück gehabt", erzählte Mert, "da hab ich gesagt: Glück ist, wenn Apostolos zweimal trifft." Bolumspor feierte den Sieg ausgelassen. Auf den Tribünen sangen die Fans noch lange, während die Flutlichter langsam erloschen. Ein Abend, an dem der Fußball zeigte, dass er keine Statistik liebt, sondern Geschichten - und Bolumspor schrieb an diesem 30. Spieltag eine besonders launige. Oder wie es Swartwout beim Rausgehen formulierte: "Manchmal ist 40 Prozent Ballbesitz einfach genug - wenn die restlichen 60 Prozent im Netz landen." 22.08.643993 13:09 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer