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53100 Zuschauer im prall gefüllten Stade Licorne erlebten am Freitagabend ein Europapokalspiel, das alles bot, was man für einen dramatischen Fußballabend braucht: frühe Chancen, Karten in allen Farben, ein Platzverweis, ein verletzter Flügelspieler und am Ende ein Heimsieg, der keiner war. Die London Blues gewannen das Achtelfinal-Hinspiel der Europaliga beim Licorne SC mit 2:1 (1:0) - trotz einer roten Karte und trotz eines wütend anrennenden Gegners. Schon in den ersten Minuten schien klar: hier wollte keiner abwarten. Kaum war die Uhr auf vier Minuten gesprungen, prüfte Gabriel Hathaway den Licorne-Keeper Duarte Maniche mit einem satten Linksschuss. "Ich wollte nur mal sehen, ob er wach ist", grinste Hathaway später. Maniche war es - und fischte den Ball spektakulär aus dem Winkel. Licorne antwortete prompt. Sebastien Van der Elst setzte sich auf der rechten Seite durch, doch sein Schuss in der sechsten Minute verfehlte das Ziel knapp. Heimtrainer Nino Perro ballte die Faust, als wollte er den Ball mit purer Willenskraft ins Netz befördern. Die Blues übernahmen danach die Kontrolle. Mit 57 Prozent Ballbesitz und sicherem Passspiel zogen sie ihr typisches, fast britisch-pragmatisches Mittelfeldspiel auf. In der 22. Minute zahlte sich die Geduld aus: Rechtsverteidiger Joshua Greenwald flankte punktgenau auf Sean Prentiss, und der traf per Direktabnahme zum 0:1. "Ich hab nur gehofft, dass der Ball mich findet", sagte Prentiss. Er fand ihn - und das Tor gleich mit. Licorne ließ sich davon nicht entmutigen. Das Team spielte weiter offensiv, manchmal vielleicht zu offensiv. Rechtsverteidiger John Craven sah früh Gelb, und man ahnte schon, dass das nicht seine letzte Karte des Abends sein würde. Zur Pause führte London verdient. Doch direkt nach Wiederanpfiff kippte die Kontrolle. In der 54. Minute verlor Greenwald nach einem rustikalen Einsteigen die Nerven - und den Platz. Rot! Der bis dahin starke Außenverteidiger stapfte vom Feld, während Trainer Fabio Rapi sich die Haare raufte. "Er hat den Ball gespielt, aber leider auch zwei Beine", knurrte Rapi trocken. Jetzt begann das große Anrennen der Einhörner. In der 62. Minute war es soweit: Nach einer Ecke von Dirk Vanderzee schraubte sich Ragnvald Erichsen am höchsten und wuchtete den Ball per Kopf zum 1:1 ins Netz. Das Stadion bebte, und Perro brüllte: "Jetzt sind wir dran!" Zwei Minuten später kam die kalte Dusche. Der junge Hathaway nutzte die ungeordnete Licorne-Abwehr und schob nach Vorarbeit von Bradley Hensley zum 1:2 ein. Ein klassischer Fall von Euphorie trifft Realität. Doch das Drama war noch nicht vorbei. In der 71. Minute holte sich Craven die zweite Gelbe Karte - und durfte ebenfalls duschen gehen. "Ich wollte nur zeigen, dass ich genauso engagiert bin wie Greenwald", sagte er hinterher halb lachend, halb reumütig. Elf gegen zehn? Nein, jetzt hieß es zehn gegen zehn. Die Schlussphase glich einem offenen Schlagabtausch. Der junge Oliver Combe kam nach einer Verletzung von Nuno Adao in der 74. Minute zu seinem Europapokaldebüt - und hatte in der Nachspielzeit die große Chance zum Ausgleich. Sein Schuss in Minute 95 zischte Zentimeter über die Latte. "Ich dachte, er geht rein. Aber dann dachte der Ball wohl anders", murmelte Combe, während ihn sein Trainer tröstend auf die Schulter klopfte. Statistisch gesehen war das Ergebnis fast logisch: London mit 12 Torschüssen, Licorne mit 10. Die Gäste hatten mehr Ballbesitz, wirkten abgeklärter, während die Gastgeber mit Leidenschaft, aber auch mit Naivität kämpften. Fabio Rapi zeigte sich nach dem Spiel erleichtert: "Zwei Auswärtstore, ein Mann weniger, und trotzdem gewonnen - das nehme ich mit einem Lächeln." Sein Gegenüber Perro dagegen suchte Trost in Ironie: "Wenn wir noch ein paar Karten mehr bekommen, sind wir im Rückspiel unschlagbar. Dann steht keiner mehr, der foulen könnte." So bleibt Licorne SC vor dem Rückspiel in London in der Rolle des Jägers. Ein 1:2 ist kein hoffnungsloses Resultat - aber ein gefährliches. Die Blues werden im heimischen Stadion kaum zimperlicher auftreten, und Perros Männer brauchen mehr als Einhorn-Magie, um das Blatt noch zu wenden. Vielleicht hilft ihnen ja ein Funken britischer Effizienz - oder einfach ein bisschen weniger Temperament. Doch an Einsatz und Drama mangelte es an diesem Abend gewiss nicht. Das Stade Licorne wird sich noch lange an diesen wilden Europapokalabend erinnern - an Tore, Karten, Emotionen und die Erkenntnis, dass Fußball manchmal ein bisschen wie das Leben ist: ungerecht, aber herrlich aufregend. 01.10.643987 02:53 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft