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London - 49.225 Zuschauer bekamen am Donnerstagabend im Stamford Ground ein typisches Londoner Stadtduell serviert: viel Spannung, eine Prise Drama und ein Tor, das die halbe Stadt in Blau jubeln ließ. Die London Blues besiegten die London Cottagers mit 1:0 (0:0) - ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber alles andere als langweilig war. Von Beginn an nahmen die Blues das Heft in die Hand. 60 Prozent Ballbesitz klingen nach Kontrolle, 23 Torschüsse nach Dauerbeschuss - und tatsächlich sah es phasenweise so aus, als hätten die Cottagers ihre Abwehr im Pub vergessen. Schon nach elf Minuten donnerte der junge Samuel Lancaster den Ball aufs Tor, und das gleich mehrfach in den folgenden Minuten. "Ich dachte irgendwann, das Tor bewegt sich, weil ich es einfach nicht treffen konnte", grinste der 20-Jährige nach dem Spiel. Die Blues spielten geduldig, manchmal zu geduldig, wie Trainer Fabio Rapi später anmerkte: "Wir wollten sicher spielen, aber das wurde fast zu sicher. Ich habe in der Halbzeit gesagt: ’Wenn ihr so weitermacht, schießt ihr erst in der nächsten Saison ein Tor.’" Die Cottagers, trainiert von Peter Henriksson, verteidigten mit allem, was sie hatten - und das war an diesem Abend vor allem Torhüter Charlie Gallagher. Der 18-Jährige wirkte wie ein Mann, der in einer Fliegenplage geboren wurde: ständig mit den Händen beschäftigt, aber nie wirklich nervös. "Er hat uns im Spiel gehalten", lobte Henriksson. "Aber man kann 90 Minuten nicht nur beten." Nach der Pause wurde das Gebet dann doch erhört - allerdings auf der anderen Seite. In der 56. Minute setzte sich Kian Hoskins auf links durch, legte präzise in den Rückraum, und Marcio Deco hämmerte den Ball aus 18 Metern flach ins Eck. 1:0. Ein Schuss, ein Tor, ein kollektives Aufatmen. Deco riss die Arme hoch, Rapi sprang wie ein Teenager an der Seitenlinie - und die Blues-Fans sangen sich die Kehle wund. "Ich hab einfach draufgehalten", erklärte Deco später trocken. "Wenn du 20 Mal schießt und nix passiert, dann muss irgendwann einer reinrutschen." Es war ein Satz, der das Spiel perfekt zusammenfasste. Doch wer dachte, die Blues würden das Ergebnis souverän verwalten, irrte. Nur eine Minute nach seinem Tor kassierte Innenverteidiger Lewis Bridges Gelb - und 13 Minuten später Gelb-Rot. "Er meinte, er habe den Ball gespielt", seufzte Rapi. "Ich habe gesagt: Ja, aber leider im Rugby-Stil." Bridges stapfte vom Platz, während die Cottagers urplötzlich Mut schöpften. Henriksson reagierte offensiv, brachte den erfahrenen Halvor Bisgaard nach einer Verletzung von Ellis Haddock schon in der 49. Minute. Doch die Cottagers blieben harmlos: ganze zwei Torschüsse im gesamten Spiel - der letzte in der 87. Minute, als Bisgaard flach abzog, aber Blues-Keeper Luke Prentiss sicher zupackte. "Wenn man so wenig aufs Tor schießt, wird’s schwer, ein Derby zu gewinnen", räumte Henriksson ein. "Wir haben nach vorne so wenig gebracht, dass ich mich fast entschuldigen wollte." Die Blues dagegen spielten die letzten Minuten mit Herz, Humor und zehn Mann herunter. Jay Sterling und Lancaster verpassten das 2:0 knapp - aber das störte am Ende niemanden. Die Fans sangen, Rapi klatschte jeden Balljungen ab, und Deco wurde als Held des Abends gefeiert. Statistisch war das Spiel eine einseitige Angelegenheit: 60,7 Prozent Ballbesitz, 23:2 Torschüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die fast nach einem 3:0 riechen. Doch Fußball ist kein Statistikspiel, sondern eine Laune der Physik, und manchmal reicht ein einziger Moment, um Geschichte zu schreiben. "Wir haben das Derbyherz gezeigt", sagte Rapi abschließend mit einem verschmitzten Lächeln. "Und vielleicht auch ein bisschen Nerven aus Stahl - oder aus purem Wahnsinn." Henriksson zuckte daneben die Schultern: "Wir haben gegen ein starkes Team verloren. Aber wenigstens haben wir keine drei gefangen. In dieser Stadt ist das schon fast ein Sieg." So bleibt das Blau Londons an diesem Abend ein wenig heller als das Weiß der Cottagers - und irgendwo in der Umkleide summt Marcio Deco leise: "Ein Tor reicht manchmal, um die Welt zu retten." Ein ironischer Gedanke, aber nach diesem Spiel kein ganz falscher. 07.07.643993 06:57 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll