// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Wenn ein Spiel 90 Minuten dauert, aber nur eine Mannschaft Fußball spielt, ist das normalerweise eine klare Sache. Am Montagabend in Stoke war das anders. Die London Blues feuerten sage und schreibe 22 Torschüsse ab, dominierten mit hauchdünnen 50,2 Prozent Ballbesitz - und fuhren trotzdem mit einem mageren 0:0 nach Hause. Die Stoke Potters verteidigten, blockten, rutschten, warfen sich in alles, was nur ansatzweise nach Ball aussah - und feierten am Ende das torlose Remis wie einen Pokalsieg. Schon nach zwei Minuten brannte es im Strafraum der Potters. Jungspund Leo Fairchild, erst 20, prüfte den Keeper Georges Wyler mit einem satten Flachschuss. "Ich dachte, der Ball wäre durch", grinste Wyler später, "aber dann hat er zum Glück meine Handschuhe getroffen." Es war das erste von vielen Duellen zwischen Fairchild und dem jungen Torwart - und das Muster für die restlichen 88 Minuten: London schießt, Stoke überlebt. Trainer Fabio Rapi von den Blues gestikulierte schon früh wild an der Seitenlinie. Nach dem dritten Schuss in fünf Minuten brüllte er: "Ruhig! Wir haben Zeit!" - doch seine Stürmer hörten lieber auf ihre Beine als auf ihn. Joel Primes, Marcio Deco, Owen Ward - sie alle hatten Gelegenheiten, die normalerweise für zwei Spiele reichen würden. In der 27. Minute setzte Ward den Ball knapp neben den Pfosten, in der 36. wieder Ward, diesmal in die Arme des Keepers. Als Fairchild in der 32. Minute erneut scheiterte, rief Rapi Richtung Himmel: "Was muss man hier tun, um ein Tor zu schießen?" - Die Antwort blieb ihm der Fußballgott schuldig. Stoke dagegen? Vier Schüsse in 90 Minuten, und jeder davon ein kleiner Hoffnungsschimmer für die 32.000 Zuschauer im Britannia Stadium. In der 6. Minute versuchte Samuel Hartshorn sein Glück, in der 47. zog Riley Lancaster ab, später noch Jamie Lester und Jake McGowan. Alle vier Versuche landeten mehr oder weniger dort, wo sie herkamen - im Besitz der Blues-Verteidigung. Doch das Publikum feierte jeden Vorstoß, als wäre es der Siegtreffer. "Wir wussten, dass wir nur bestehen, wenn wir laufen, kämpfen und beten", sagte Potters-Kapitän Evan Bloomfield hinterher mit einem trockenen Lächeln. "Und beten konnten wir heute ziemlich gut." Die Statistik sprach Bände: 22:4 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe für London - und doch kein Treffer. Die Blues versuchten es über die Flügel, durch die Mitte, per Fernschuss, per Kopf, mit beiden Füßen und vermutlich auch mit reinem Willen. Aber Georges Wyler im Tor der Potters hatte einen dieser Abende, an dem man ihm die Flügel schon fast hätte anmalen können. Einziger Wermutstropfen für die Londoner: Rechtsverteidiger Aad Courtlandt sah in der 31. Minute Gelb, als er Samuel Hartshorn rustikal vom Ball trennte. "Ich habe den Ball gespielt", verteidigte sich Courtlandt - was so ungefähr stimmte, der Ball war in der Nähe. In der Schlussphase brachte Rapi noch frisches Blut: Der 19-jährige Samuel Lancaster ersetzte Owen Ward, Christoph Steffen kam für den ausgepumpten Fairchild. "Ich wollte zeigen, dass wir noch Tore schießen können", erklärte Rapi später mit sarkastischem Unterton. "Leider hat keiner meiner Jungs die Gebrauchsanweisung für den Kasten gelesen." Die Potters hingegen blieben stoisch. Trainer Harry Finnigan - sonst kein Mann großer Worte - grinste nach Abpfiff in die Mikrofone: "Null zu null? Perfekt. Keine Fehler, keine Tore, keine Sorgen. Ich nenne das Effizienz." Ein Journalist fragte, ob er nicht lieber selbst einmal aufs Tor geschossen hätte. "Ich? Mit meiner Hüfte?", lachte Finnigan. "Nein, das überlasse ich den Jungs - die haben ja heute genug geschaut, wie’s geht." Als Schiedsrichter Dean Pritchard endlich abpfiff, war die Erleichterung im Stadion greifbar. Die Fans der Potters sangen, als hätten sie gerade den Klassenverbleib gesichert, während die Blues-Spieler mit hängenden Köpfen Richtung Kabine trotteten. "Manchmal", sagte Blues-Kapitän Jay Sterling leise, "steht da einfach ein unsichtbares Tor." Vielleicht meinte er Wyler. Vielleicht meinte er den Fußball selbst. Und so bleibt das Fazit dieses Abends: Die London Blues hatten alles - Ball, Chancen, Tempo - nur das Tor blieb ihnen verschlossen. Stoke Potters dagegen hatten Herz, Schweiß und Staub - und am Ende den Punkt. Ein 0:0, das niemanden satt macht, aber irgendwie alle zufrieden. Oder wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "War doch schön - wenigstens hat keiner verloren." Recht hat er. 26.05.643987 11:42 |
Sprücheklopfer
Wir haben hier heute das Wunder von Kaiserslautern geschafft, aber ich denke man sollte das nicht überbewerten.
Lothar Matthäus als ungarischer Nationaltrainer nach dem Sieg gegen Deutschland in Kaiserslautern