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Es gibt Spiele, die beginnen mit einem Paukenschlag - und enden in einem Donnerschlag. Das gestrige Duell zwischen CA Belgrano und CD Colón in der 1. Liga Argentiniens gehört zweifellos in diese Kategorie. 41.787 Zuschauer im Estadio Gigante de Alberdi rieben sich schon nach zwei Minuten die Augen, nach 90 dann nur noch die Hände: Belgrano fegte die Gäste aus Santa Fe mit sage und schreibe 8:0 (4:0) vom Platz. Und man darf es ruhig so sagen: Das war kein Fußballspiel mehr, das war ein Tanz - und Colón war der unbeholfene Partner. Der Auftakt? Ein Tornado. In der zweiten Minute zirkelte Nelio Mendilibar den Ball nach Vorarbeit von Amaury Gutierre ins Netz. Kaum hatten die Gäste den Schock verdaut, klingelte es erneut: Nur eine Minute später traf Rutger Henriksson nach Vorlage von Adrian Benito. Trainer John Lock grinste an der Seitenlinie und drehte sich zum vierten Offiziellen: "Ich hoffe, das war nicht zu früh, sonst wird’s langweilig." Es sollte nicht langweilig werden. Belgrano spielte, als habe man vergessen, dass auch der Gegner den Ball haben darf. Zwar wiesen die Statistiken später einen fast ausgeglichenen Ballbesitz aus (49 zu 51 Prozent), doch das war eine jener Zahlen, bei denen man sich fragt, ob der Computer vielleicht auch den Einwurf mitzählt. Colón brachte während der gesamten 90 Minuten keinen einzigen Torschuss zustande. Null. Niente. Nada. "Wir wollten kompakt stehen", murmelte Colón-Trainer Sandro Felipe nach dem Spiel. "Das ist uns zumindest gelungen - leider meist im eigenen Strafraum." Zwölf Minuten waren gespielt, da legte Gutierre selbst nach, nach einem feinen Doppelpass mit Mendilibar. In Minute 21 traf wieder Mendilibar - erneut nach Zuspiel seines kongenialen Partners. Damit war das 4:0 zur Pause perfekt, und die Fans von Belgrano sangen schon in der Halbzeit von der Tabellenführung, während Colon-Spieler Ernesto Valente angeblich fragte: "Wie viel steht’s eigentlich?" - worauf sein Torhüter Roberto Espinosa trocken antwortete: "Zu viel." Nach dem Seitenwechsel änderte sich nichts. Belgrano blieb offensiv ausgerichtet, drückte weiter - ganz ohne Pressing, aber mit chirurgischer Präzision. In der 56. Minute traf erneut Amaury Gutierre, wieder nach Vorlage von Mendilibar. Die beiden verstanden sich an diesem Abend blind - oder wie Gutierre später lachend sagte: "Ich musste gar nicht aufsehen. Ich wusste, wo Nelio steht - und wo der Ball hinmuss." Dann durfte der junge Stürmer Adrian Benito ran und belohnte sich in der 64. Minute mit dem 6:0, erneut vorbereitet von Mendilibar, der an diesem Tag mehr Assists als Schweißtropfen hatte. Als Nuno Domingos in der 82. Minute das 7:0 erzielte, war längst klar, dass Colón nur noch betete, der Schiedsrichter möge Mitleid haben. Zwei Minuten später setzte Henriksson den Schlusspunkt - 8:0, Vorlage diesmal vom Innenverteidiger Vicente Morais, der offenbar beschlossen hatte, selbst noch ein bisschen Spaß zu haben. Die letzten Minuten wirkten fast surreal. Belgrano wechselte dreifach, brachte den 17-jährigen Lionel Varela, der beim Debüt gleich zwei Bälle nach vorne trieb, als ginge es noch um alles. Morais holte sich in der 90. Minute eine Gelbe Karte - vielleicht aus Langeweile. "Ich wollte einfach auch mal erwähnt werden", scherzte er später. Trainer John Lock war nach dem Spiel die Ruhe selbst: "Wir haben einfach unser Spiel gemacht. Acht Tore sind schön, aber ich bin eher froh, dass keiner verletzt ist - und dass der Kaffee in der Kabine noch warm war." Colon-Coach Felipe hingegen suchte nach Worten: "Wir waren statistisch fast gleichauf", sagte er und blickte auf den Ballbesitzwert. Dann lachte er bitter: "Aber Fußball wird nicht mit Prozenten gewonnen." Die Fans feierten Belgrano mit stehenden Ovationen, Mendilibar wurde zum Helden des Abends - zwei Tore, vier Vorlagen, unermüdlich wie ein Duracell-Hase in Stollenschuhen. Und auch wenn die Mannschaft nach dem Schlusspfiff bescheiden blieb, klang bei allen das Bewusstsein mit, dass man Zeuge eines besonderen Abends war. Ein Kollege in der Pressetribüne fasste es treffend zusammen: "Wenn du 24 Schüsse aufs Tor abgibst und acht davon triffst, darfst du ruhig mal zufrieden sein." Bleibt nur die Frage: War Belgrano wirklich so stark - oder Colón so schwach? Wahrscheinlich beides. Aber eines ist sicher: Wer an jenem Abend im Stadion war, hat eine Lektion in Offensivfußball erlebt - und vielleicht ein bisschen Mitleid mit einem Gegner, der schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort war. Oder, um es mit Mendilibar zu sagen: "Manchmal läuft’s einfach. Heute lief’s achtmal." 18.09.643987 03:53 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
Dragoslav Stepanovic