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Der erste Spieltag der neuen Ligue-1-Saison hatte auf Korsika alles, was ein Samstagabend braucht: 48.338 Zuschauer im Stade Armand Cesari, ein Trainer, der sich in der Coaching-Zone verausgabte, und fünf Tore, die das Publikum zwischen Hoffnung, Jubel und Nervenzusammenbruch schwanken ließen. Am Ende stand ein 3:2-Sieg für den AC Bastia gegen Licorne SC - ein Ergebnis, das wohl selbst den Zyniker an der Bar kurz verstummen ließ. Dabei hatte die Partie denkbar unspektakulär begonnen. Die erste Halbzeit, so ehrlich muss man sein, war ein einziger Beweis dafür, dass Ballbesitz nicht immer Unterhaltung bedeutet: 50,2 Prozent für Bastia, 49,8 für Licorne - also exakt so viel Spannung wie beim Warten auf das Boarding im Flughafen von Ajaccio. Beide Teams spielten "balanciert", wie es der taktische Zettel nannte, und wirkten, als wollten sie sich gegenseitig in den Schlaf passen. "Ich habe in der Pause gesagt: Wenn ihr weiter so spielt, bestellt euch gleich einen Kaffee für die Verlängerung", grinste Bastiacoach Ti Fu später. Offenbar wirkte das Koffeinbild, denn nach dem Seitenwechsel explodierte das Spiel. In der 50. Minute war es Eric Bernard, der nach feiner Vorarbeit des unermüdlichen Maurice Pienaar das 1:0 erzielte. Bernard, 23 Jahre jung, sprintete jubelnd Richtung Eckfahne, während sein Coach an der Seitenlinie so wild die Fäuste ballte, dass der vierte Offizielle kurz das Schlimmste befürchtete. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", meinte Bernard schmunzelnd, "aber Maurice schreit mich an: ’Lauf!’ - also bin ich halt gelaufen." Nur acht Minuten später folgte der nächste Streich: Jean Delmas, der rechte Flügelwirbel, vollendete nach erneutem Zuspiel von Pienaar zum 2:0. Ein Tor wie aus dem Lehrbuch - und ganz nebenbei der Beweis, dass Bastia nicht nur Sonne, sondern auch feine Pässe zu bieten hat. Als Robert Arnaud in der 65. Minute nach Vorlage von Patrick Brongniart zum 3:0 traf, schien die Messe gelesen. Doch genau da begann Licorne SC, sich in die Partie zu krallen wie ein störrischer Esel auf einer Pyrenäenstraße. Trainer Nino Perro, der bis dahin eher stoisch am Spielfeldrand gestanden hatte, brüllte plötzlich Kommandos, als ginge es um sein Leben. "Ich hab’ ihnen gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Würde - und vielleicht einem Tor", erzählte Perro später mit einem trockenen Lächeln. Seine Jungs nahmen ihn beim Wort. Nicolas Cloutier sorgte in der 81. Minute mit einem präzisen Rechtsschuss für das 3:1, und Kai McShane legte sechs Minuten später nach - 3:2! Plötzlich herrschte Alarmstufe Rot in Bastias Abwehr, und selbst die Möwen über dem Stadion verstummten kurz. Die letzten Minuten waren ein wilder Tanz zwischen Nervosität und Heldenmut. Bastias Innenverteidiger Iker Valdes sah Gelb (85.), Abati kassierte in der Nachspielzeit ebenfalls eine Verwarnung - wohl weniger wegen eines Fouls als wegen seiner emotionalen Gestik. "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch laufen kann", verteidigte sich der Stürmer danach, während sein Coach Ti Fu ihn mit einem halben Lächeln abwinkte: "Wenn er so viel Energie ins Verteidigen stecken würde, hätten wir kein Problem gehabt." Statistisch war die Partie ein Muster an Ausgeglichenheit: 13 Torschüsse für Bastia, 10 für Licorne, Tacklingquote 51 zu 48 Prozent. Doch auf dem Papier zählen am Ende nur Tore - und da hatten die Korsen das entscheidende eine mehr. Die Szene des Abends gehörte dennoch den Gästen: In der 8. Minute verletzte sich der junge Oscar Brito nur Sekunden nach seiner Einwechslung. Er humpelte vom Platz, während sein Trainer konsterniert die Hände in die Hüften stemmte. "Ich wollte ihm Spielpraxis geben", murmelte Perro später, "nicht Physiopraxis." Als der Schlusspfiff ertönte, atmete das Stadion hörbar auf. 3:2, drei Punkte, drei verschiedene Torschützen - ein Start, wie ihn Bastia kaum besser hätte malen können. Und trotzdem war in den Gesichtern der Spieler keine Euphorie, sondern eher Erleichterung zu sehen. "Wir haben’s uns selbst schwer gemacht", gab Torschütze Arnaud zu. "Aber hey, so bleibt’s wenigstens spannend." Während die Fans noch sangen, stand Ti Fu bereits mit verschränkten Armen in der Trainerzone und blickte Richtung Meer. Vielleicht dachte er über die Defensive nach. Vielleicht über den nächsten Gegner. Oder vielleicht einfach darüber, dass Fußball manchmal schöner ist, wenn er ein bisschen weh tut. Ein Augenzwinkern zum Schluss: Bastia führt nach dem ersten Spieltag die Tabelle an - zumindest für eine Nacht. Und auf Korsika weiß man: Nächte können hier sehr lang werden. 30.05.643990 09:02 |
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Torsten Legat