// Startseite
| Sport-Blick |
| +++ Sportzeitung für Schweiz +++ |
|
|
|
Ein Abend zum Vergessen für den SV St. Gallen, ein Festspiel für den SC Basel: Zum Auftakt der neuen Saison in der 1. Liga Schweiz zerlegten die Basler ihren Gastgeber mit 6:0 (3:0) - und das, obwohl sie über eine halbe Stunde in Unterzahl spielten. 43.008 Zuschauer im Kybunpark erlebten ein Spiel, das schon nach einer Minute entschieden war - zumindest fühlte es sich so an. Denn kaum hatten die Zuschauer Platz genommen, klingelte es bereits: Ralf Wahl nutzte die erste Unachtsamkeit der St. Galler Abwehr, drückte den Ball nach feiner Vorarbeit von Lucas Ackland über die Linie. 1:0 nach 60 Sekunden - Basel war hellwach, St. Gallen noch im Aufwärmprogramm. "Ich dachte, wir hätten noch Einlaufen", murmelte Verteidiger Louis Wilhelm später halb ernst, halb verzweifelt. Die Hausherren versuchten, mit über 57 Prozent Ballbesitz Kontrolle zu gewinnen - aber Kontrolle ohne Richtung war an diesem Abend wie ein Lenkrad ohne Reifen. Basel lauerte, presste nicht, spielte aber mit chirurgischer Präzision nach vorne. Michele Del Carretto erhöhte in der 36. Minute nach einem wuchtigen Solo durch die Mitte, ehe Innenverteidiger Michael Singer kurz vor der Pause per Kopf nach einem Standard das 3:0 markierte. "Ich wusste gar nicht, dass Michael so hoch springen kann", witzelte Trainer Joschi Du später, "vielleicht sollte ich ihn öfter in den Sturm stellen." St. Gallen-Coach Mike Pregler stand währenddessen stoisch an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, als wolle er prüfen, ob wenigstens darin noch Ordnung herrscht. "Wir hatten viel Ballbesitz, ja", seufzte er nach dem Spiel, "aber leider nicht den Ball, der zählt - den im Tor." Die zweite Halbzeit begann mit einer kuriosen Szene: Basels Alex Silfredo sah innerhalb von neun Minuten Gelb und dann Gelb-Rot (50. und 59.), weil er beim zweiten Mal den Ball wegschlug - oder, wie er selbst meinte, "eher aus Frust als aus Taktik". Damit spielten die Gäste eine halbe Stunde mit zehn Mann. Wer jedoch auf ein St. Galler Aufbäumen hoffte, wurde enttäuscht. Der SV hatte zwar jetzt mehr Platz, stellte aber weiterhin keine Fragen, auf die Basel hätte antworten müssen. Im Gegenteil: Basel nutzte jeden Konter als Einladung zum Toreschießen. Willem Tenbrook traf in der 77. Minute nach Vorarbeit von Yannick Lardenoit zum 4:0 - eine Kombination, so elegant, dass selbst einige Heimfans höflich klatschten. Nur neun Minuten später schlug Michele Del Carretto erneut zu, diesmal nach Pass des eingewechselten Arnaud Dewaele. Eine Minute darauf revanchierte sich Lardenoit selbst und setzte mit dem 6:0 den Schlusspunkt. Basel hatte am Ende 17 Torschüsse, St. Gallen einen einzigen - Horst Ernst in der 41. Minute, ein Versuch, der eher eine Erinnerung an bessere Tage war. Torwart Jacob Neumann im Basler Kasten musste kaum eingreifen und meinte danach grinsend: "Ich habe mich kurz gefragt, ob ich meine Handschuhe überhaupt brauche. Aber man weiß ja nie - es kann ja Wind aufkommen." Taktisch war Basel klar auf Offensive und Flügelspiel eingestellt - und das mit durchschlagendem Erfolg. Selbst nach dem Platzverweis blieb die Mannschaft erstaunlich kompakt, während St. Gallen zwar engagiert, aber orientierungslos wirkte. In der 90. Minute gönnte Trainer Du seinem Abwehrchef Singer noch eine Ehrenpause und brachte den jungen Berndt Muster - "damit er wenigstens auch mal den Ball sieht", scherzte der Coach. In St. Gallen hingegen wurde gewechselt wie in der Hoffnung auf ein Wunder: Maniche kam, Hiliard kam - aber keiner brachte den ersehnten Impuls. Als der Schlusspfiff ertönte, blickte Pregler in den Nachthimmel, als suche er dort nach einer Erklärung. "Das war heute nicht unser Tag", sagte er schließlich. "Eher Basels Feiertag." Basel lacht, St. Gallen leidet - und die Liga hat ihren ersten Paukenschlag. Wenn der SC so weiterspielt, wird man in der Schweiz bald wieder vom "alten Basel" sprechen: effizient, gnadenlos, mit einem Hauch Überheblichkeit. Oder, wie es Doppeltorschütze Del Carretto formulierte: "Wir haben einfach Lust auf Tore - und wenn der Gegner höflich fragt, geben wir auch welche ab." Ein ironischer Trost für St. Gallen: Mit fast 60 Prozent Ballbesitz hat man immerhin statistisch das Spiel "dominiert". Nur leider nicht das, was auf der Anzeigetafel stand. 0:6. Ein Ergebnis, das sich nicht wegdiskutieren lässt - wohl aber mit Humor ertragen werden muss. Und vielleicht, ganz vielleicht, hilft ein freier Montag im Training, den Albtraum zu vergessen. Denn nach so einem Spiel hat man sich wenigstens eines verdient: eine gute Ausrede. 29.05.643990 23:51 |
Sprücheklopfer
Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund