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Es war alles angerichtet für einen Basler Fußballabend, wie ihn die 56 894 Zuschauer im St. Jakob-Park so lieben: Flutlicht, ein offensiv eingestellter SCB, und ein Gegner, der sich eigentlich nur verteidigen wollte. Am Ende jedoch grinsten die Gäste aus St. Gallen unter der Anzeigetafel - und Basel stand da wie jemand, der beim letzten Tanz noch schnell aufs Parkett wollte, nur um dann auf dem Kabel der eigenen Lichtanlage auszurutschen. "Wir haben das Spiel kontrolliert - bis wir es verloren haben", sagte Basels Trainer Joschi Du trocken. Eine treffende Zusammenfassung für 90 Minuten, in denen seine Mannschaft zwar 55 Prozent Ballbesitz und 13 Torschüsse verzeichnete, aber so gar keine Effizienz. Dabei begann alles wie aus dem Lehrbuch für Heimdominanz: Ralf Wahl prüfte St. Gallens Schlussmann Mattia Ceccarelli schon früh (9.), und Yannick Lardenoit zog zwei Minuten später aus der Distanz ab. Das Publikum hatte die Welle schon geübt. Doch dann kam Minute 15 - und mit ihr der erste kalte Schauer: St. Gallens Routinier Carl Boutin, der sich sonst eher in akademischer Ruhe durch das Mittelfeld bewegt, schloss nach feiner Vorlage von Niko Franz eiskalt ab. 0:1, und das ausgerechnet nach einem Basler Angriff, der im eigenen Gegenkonter implodierte. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Boutin später. "Manchmal muss man gar nicht zielen - der Ball findet den Weg schon." Basel reagierte wütend, fast beleidigt. Lucas Ackland drosch den Ball mehrfach aufs Tor (22., 66., 75.), Michele Del Carretto verfehlte mit einem Kopfball aus fünf Metern nur knapp. In der 27. Minute schließlich die Erlösung: Lardenoit, Basels Dauerläufer im Zentrum, staubte nach einer Hereingabe von Xavi Andrade ab - 1:1. Das Stadion bebte, und Joschi Du drehte sich zur Bank: "Geht doch!", schrie er, angeblich in drei Sprachen gleichzeitig. Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag - und einem Platzverweis. Yves Doucet, Basels erfahrener Linksverteidiger, sah in der 50. Minute Rot, nachdem er St. Gallens Flügelspieler Beier mit einer Grätsche stoppte, die eher an Eishockey erinnerte. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte sich Doucet später. "Der Ball war halt… woanders." Mit einem Mann weniger änderte sich das Kräfteverhältnis schlagartig. St. Gallen, ohnehin auf Konter programmiert, witterte seine Chance. In der 54. Minute rollte ein Angriff über Franz, der wieder den entscheidenden Pass spielte - diesmal auf Joseph Claude. Der 27-Jährige fackelte nicht lange und vollendete trocken ins lange Eck: 1:2. "Das war Trainingsthema: ruhig bleiben, wenn’s hektisch wird", sagte Trainer Mike Pregler nach dem Spiel. "Wir wussten, Basel rennt, wir warten. Und siehe da - Geduld ist manchmal schöner als Ballbesitz." Basel versuchte alles. Trainer Du brachte später den Pressing-Knopf endgültig zum Glühen: "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen den Gegner auffressen." Aber am Ende biss sich Basel eher selbst auf die Zunge. Trotz wilder Schlussoffensive - inklusive eines Kopfballs von Innenverteidiger Michael Singer in der Nachspielzeit - blieb es beim 1:2. Die Statistik erzählte eine Geschichte von vergeblichem Aufwand: mehr Torschüsse, mehr Ballbesitz, mehr Herzblut. Nur die Tore, die zählten, hatten die Gäste. Und St. Gallen? Die wechselten in der Schlussphase munter durch - der 17-jährige Volker Rudolph feierte nach 85 Minuten sein Debüt. "Ich dachte, ich hol nur die Hütchen rein", sagte er später lachend. "Dann ruft der Trainer: ’Du bist drin.’ Ich hab erstmal gefragt, ob er mich meint." Joschi Du hingegen blieb auf der Pressekonferenz erstaunlich gefasst. "Wir haben 40 Meter vor dem Tor wunderbar kombiniert", sagte er. "Blöd nur, dass das Tor 16 Meter breit ist." Während St. Gallen jubelnd vor der Kurve tanzte, verließen die Basler Fans das Stadion mit einem Blick zwischen Fassungslosigkeit und gepflegtem Fatalismus. Man kennt das ja: schöner Fußball, schönes Wetter, schönes Ergebnis - nur halt für die anderen. Vielleicht wird man sich in Basel noch lange an diesen Abend erinnern. Nicht, weil St. Gallen brillierte, sondern weil die Lektion so klar war wie der Himmel über dem Joggeli: Wer Tore schießt, gewinnt. Und wer sich mit Ballbesitz tröstet, darf wenigstens behaupten, das Spiel "gefühlt" gewonnen zu haben. Oder, wie es St. Gallens Matchwinner Carl Boutin nach dem Abpfiff formulierte: "Basel hatte den Ball, wir die Punkte. Klingt fair, oder?" 24.12.643990 09:27 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer