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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob die Trainer vor dem Anpfiff heimlich Würfel werfen, um ihre Taktik zu bestimmen. Das Duell zwischen Atromitos und AS Rimini am Donnerstagabend in der Europaliga-Play-off-Runde war so einer. 27.000 Zuschauer im sonnendurchglühten Stadion von Athen sahen sieben Tore, ein gelbes Kartonchen, reichlich Drama und einen jungen Italiener, der aussah, als hätte er das Toreschießen neu erfunden: Aleandro Caputo, 21 Jahre alt, doppelt so schnell wie sein Gegenspieler und dreimal so treffsicher. Bereits nach fünf Minuten war es soweit. Caputo, bedient vom quirlig-flinken Giulio Tripodi, tanzte Atromitos-Verteidiger Isidoro Beto aus, schaute kurz hoch - und schob den Ball so lässig ins Eck, dass selbst die griechischen Fans kurz klatschten. "Ich dachte, das war Abseits", stöhnte Atromitos-Trainer Michael Graf später. "War’s aber nicht, wie mir der vierte Offizielle charmant erklärte." Atromitos brauchte eine Viertelstunde, um den Schock zu verdauen. Dann kam die Antwort: In der 22. Minute nagelte Nevio de Almeida einen Ball unter die Latte, als wolle er ein Loch ins Tornetz stanzen. Vorlagengeber Timm Rauch grinste nach dem Treffer in Richtung Tribüne und rief: "So spielt man Ballbesitzfußball!" - eine ironische Anspielung auf die Statistik, die am Ende mit 49 zu 51 Prozent ganz leicht für Rimini sprach. Aber wer dachte, das Spiel würde nun ruhiger, wurde eines Besseren belehrt. Nur drei Minuten später köpfte Riminis Innenverteidiger Dario Arcella nach einer Ecke von Andreas Böhme das 2:1 - und jubelte, als hätte er gerade die Weltmeisterschaft entschieden. "Ich wusste gar nicht, dass Dario so hoch springen kann", lachte Rimini-Coach Fritz Fasching nach dem Spiel. Doch Atromitos antwortete mit griechischem Stolz und einer Portion Chaos: Daniel Celine (37.) und Henri Couture (38.) drehten die Partie innerhalb von 60 Sekunden. Erst wuchtete Celine die Kugel nach einem Pass von Humberto Ferreira ins Netz, dann drosch Couture das Leder volley hinein, nachdem Verteidiger Mitroglou ungewollt (!) den perfekten Assist lieferte. "Ich wollte eigentlich klären", gestand Mitroglou später und grinste selbstironisch. "Aber wenn’s hilft…" Mit einem 3:2 ging es in die Pause, der Heimblock sang, Graf klatschte zufrieden - zu früh, wie sich herausstellen sollte. Denn Caputo hatte noch nicht genug. In der 54. Minute schlenzte er nach Böhme-Flanke das 3:3, und nur vier Minuten später drehte er das Spiel endgültig. Diesmal kam die Vorlage von Rechtsverteidiger Davib Musgrave, der den Ball so präzise querlegte, dass Caputo ihn nur noch einschieben musste. 4:3 für Rimini - und Atromitos’ Stadion verstummte. Danach begann das große Zittern. Rimini verteidigte mit italienischer Routine, Atromitos warf alles nach vorn, inklusive Torwart Jannis Lee, der in der 88. Minute bei einer Ecke fast den Ausgleich köpfte. Fast. Der Ball strich hauchdünn über die Latte - und Fassungslose auf der Tribüne rieben sich die Augen. Statistisch gesehen war Rimini klar überlegen: 16 Torschüsse gegenüber 7 der Gastgeber, ein leichtes Plus im Ballbesitz und die höhere Zweikampfquote. Doch diese Zahlen sagen wenig über die Dramatik der Partie. In der Nachspielzeit bekam Nevio de Almeida noch Gelb, weil er - laut Schiedsrichterbericht - "zu energisch applaudierte". "Ich wollte nur Danke sagen", verteidigte er sich später mit einem Lächeln. "Wir haben gezeigt, dass wir Tore schießen können", meinte Trainer Graf nach dem Abpfiff. "Jetzt müssen wir nur noch lernen, sie zu verhindern." Sein Gegenüber Fasching blieb gelassen: "Ein Tor Vorsprung ist schön, aber bei Atromitos wird das Rückspiel kein Spaziergang. Die können brennen - und zwar lichterloh." Caputo, der Mann des Abends, stand dazwischen und grinste breit: "Ich nehme den Ball mit nach Hause. Und vielleicht auch ein Stück vom Tornetz - zur Sicherheit." Ein Spiel, das keiner so schnell vergisst. Atromitos hat Moral, Rimini hat Caputo. Und wer den jungen Italiener so spielen sah, ahnt: Im Rückspiel könnte er sogar noch gefährlicher werden - falls er nicht vorher den Ball in Brand schießt. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wenn Fußball ein Theaterstück ist, dann war dieser Abend eine Mischung aus Tragödie, Komödie und Pyrotechnik - und das Publikum bekam jeden Cent Eintritt mehr als zurück. 24.12.643990 04:11 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer