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37.755 Zuschauer in Tripolis sahen am Dienstagabend ein Spiel, das man getrost als taktische Lehrstunde in Effizienz bezeichnen darf. Astra Tripolis besiegte den FC Oberwallis mit 2:0 (2:0) - und das, obwohl die Gäste über 60 Prozent Ballbesitz hatten. Wer also noch glaubt, Ballbesitz sei gleichbedeutend mit Dominanz, sollte sich dieses Spiel auf Video anschauen. Trainer Kostas Karagounis grinste nach dem Abpfiff breit: "Wir haben das Spiel kontrolliert - nur halt ohne Ball." Und tatsächlich: Seine Mannschaft lauerte, biss, konterte - und traf. Schon in der 13. Minute schickte Innenverteidiger Davide Vincenzo mit einem butterweichen Pass Roberto Laino steil. Der 35-jährige Italiener, der aussieht, als hätte er schon gegen Pelé gespielt, blieb eiskalt und schob zum 1:0 ein. "Ich habe kurz überlegt, ob ich den Torwart umkurve - aber dann dachte ich, mit 35 spart man sich lieber die Meter", scherzte Laino hinterher. Oberwallis, vom schweizerisch-norwegischen Pragmatiker Snore Laken betreut, wirkte vom frühen Rückstand überrascht, aber nicht geschockt. Man spielte weiter kontrolliert, ließ den Ball laufen, als würde es für Ballzirkulation Punkte geben. Doch Astra verteidigte diszipliniert, und wenn mal ein Schuss durchkam, stand Torwart Hartmut Breuer wie eine Mauer mit Bart. In der 37. Minute folgte der zweite Nadelstich. Nico Schreiner, der zentrale Antreiber der Griechen, spielte einen Pass in den Lauf von Ramon Espriu. Der 24-jährige Spanier nahm den Ball mit der Brust, ließ seinen Gegenspieler aussteigen und traf trocken ins rechte Eck - 2:0! "Ich wollte eigentlich flanken, ehrlich", grinste Espriu später, während Trainer Karagounis daneben die Augen verdrehte. Damit war das Spiel im Grunde entschieden, auch wenn Oberwallis in der zweiten Hälfte alles versuchte. Patrick Benveniste, der emsige Mittelstürmer der Gäste, kam gleich viermal gefährlich zum Abschluss - in der 24., 45., 62. und 81. Minute. Doch Breuer hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend nichts zuzulassen. "Ich wollte zeigen, dass man auch mit 35 noch fliegen kann", knurrte der Keeper, der nach jedem gehaltenen Ball die Faust in Richtung Tribüne reckte. Statistisch gesehen war das Spiel eine kleine Paradoxie: Tripolis mit nur 38 Prozent Ballbesitz, aber 20 Torschüssen. Oberwallis dagegen mit 62 Prozent Ballbesitz und acht Schüssen - das nennt man wohl den Unterschied zwischen Aktivität und Produktivität. Taktisch blieb Karagounis seiner offensiven Grundhaltung treu. Auch nach der Pause ließ er sein Team nach vorne verteidigen, wechselte klug: In der 61. Minute kam Timon Sisinis für Matteo Simone, um die Defensive zu stabilisieren, und drei Minuten später Julian Arias für Manuel Morais auf der rechten Seite - eine Maßnahme, die prompt wieder für Schwung sorgte. "Wir wollten das dritte Tor, aber der Fußballgott hatte wohl schon Feierabend", witzelte Arias danach. Auf der anderen Seite versuchte Snore Laken, mit lautstarken Anweisungen und dem Mut zur Geduld das Ruder herumzureißen. "Wir haben den Ball gehabt, aber nicht das Spiel", analysierte er nüchtern. Seine Mannschaft, defensiv eingestellt und bis in die Schlussphase ohne echtes Pressing, erhöhte erst in den letzten Minuten die Intensität. Da war der Kuchen aber längst gegessen. Das Publikum in Tripolis verabschiedete sein Team mit stehenden Ovationen. Die Fans sangen, die Spieler tanzten, und Coach Karagounis klopfte jedem Einzelnen auf die Schulter - inklusive Ersatzkeeper, Balljunge und Betreuer. "Wir sind noch lange nicht durch", mahnte er dann doch, "aber heute darf man mal feiern." So bleibt Astra Tripolis nach diesem 2:0 auf europäischem Kurs, während der FC Oberwallis lernen muss, dass Schönheit allein keine Punkte bringt. Oder, um es mit den Worten von Roberto Laino zu sagen: "Wer den Ball liebt, soll ihn behalten - wir nehmen lieber die drei Punkte." Und so endete ein Abend, an dem Tripolis zeigte, wie man mit wenig Ball und viel Herz siegt. Vielleicht kein Fußball für Puristen, aber einer, der Wirkung zeigt. Oberwallis dagegen dürfte sich fragen, wie man 62 Prozent Ballbesitz haben kann - und trotzdem aussieht, als hätte man 90 Minuten hinterhergelaufen. 07.06.643987 03:05 |
Sprücheklopfer
Klinsmann denkt zuviel.
Lothar Matthäus