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Es war alles angerichtet für einen dieser Abende, an denen Antaliaspors Arena im Flutlicht glüht und 27.000 Kehlen ein einziges "Vamos!" bilden. Europaliga, Gruppenrunde, zweiter Spieltag - und der Gegner aus Griechenland, AEL Athen, klang nach machbarer Aufgabe. Doch am Ende stand ein 1:2 (1:2), das sich für die Gastgeber anfühlte wie ein griechisches Drama in drei Akten: Hoffnung, Überraschung, Ernüchterung. Die Partie begann, als hätte Trainer Volker Kraft seinen Jungs Espresso intravenös verabreicht. Schon in der 6. Minute zappelte der Ball im Netz: Caio Bosingwa, Antaliaspors flinker Linksaußen, nahm einen Pass des jungen Innenverteidigers Yunus Oktay auf, tanzte zwei Griechen schwindelig und schob eiskalt ein. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Kraft später, "aber Caio hat einfach weitergespielt - typisch Brasilianer." Die Freude währte allerdings kürzer als ein türkischer Mokka. Nur 60 Sekunden später nutzte Achilleas Iosifidis die kollektive Schockstarre der Gastgeber und traf aus kurzer Distanz zum Ausgleich. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Sirtaki tanzen können", witzelte der Torschütze nach dem Spiel, während er sich noch die Schweißperlen aus dem Bart strich. Von diesem Moment an war es ein offener Schlagabtausch: 11 Torschüsse auf beiden Seiten, Ballbesitz fast exakt verteilt (50,7 zu 49,3 Prozent) - zwei Teams, die sich nichts schenkten, aber auch nicht unbedingt wussten, wie man clever verteidigt. Antaliaspors Offensivgeist (offensive Ausrichtung, versteht sich) traf auf Athens Flügelphilosophie - und das führte zu einem Spiel, das neutralen Zuschauern Spaß, Trainern aber Kopfschmerzen machte. Der Knackpunkt kam in der 39. Minute: Athen hatte gerade eine Ecke schlecht ausgeführt, der Ball wurde abgewehrt, kam aber über Umwege zu Agisilaos Basinas, der ihn elegant an den aufgerückten Linksverteidiger Takis Samaras weiterleitete. Samaras, 23 Jahre jung und offenbar ohne Angst vor großen Momenten, zog einfach mal ab - und traf. 1:2. Während Athen jubelte, blickte Torwart Tunca Sekman ratlos in den Nachthimmel, als wolle er dort eine Erklärung finden. "Das war kein Sonntagsschuss, das war ein Mittwochsabendschock", knurrte Trainer Kraft später. "Wir standen gut, bis wir nicht mehr standen." In der zweiten Halbzeit versuchte Antaliaspor, den Rückstand zu drehen, blieb aber trotz enormem Aufwand (Bernard Masse mit drei gefährlichen Abschlüssen) glücklos. Noe Santos prüfte den Keeper, Morgan Lenentine warf sich in jeden Ball - aber das Tor blieb wie vernagelt. In der 55. Minute sah Abwehrchef Enrique Pascual Gelb, nachdem er Iosifidis etwas zu innig umarmt hatte. "Ich wollte ihn nur bremsen", verteidigte sich Pascual mit einem Grinsen, "aber er fiel, als hätte ich ihm das Handy weggenommen." Athen blieb seiner Linie treu: kompakt, konzentriert, mit gelegentlichen Kontern über die Flügel. Trainer Ryan Mystery - der Name ist Programm - wechselte klug: In der 50. Minute brachte er Jose Maria Costinha für den müden Anthimos Athanasiadis, später ersetzte sogar Ersatztorwart Tyler Hannigan den angeschlagenen Tiago Pinto. "Ich mag es, wenn meine Torhüter auch mal schwitzen", sagte Mystery halb ernst, halb ironisch. Antaliaspor drückte, kombinierte, rannte - aber das Runde wollte nicht mehr ins Eckige. In der 85. Minute erhielt Athens Anargiros Lagonikakis noch Gelb, als er Bernard Masse ausbremste - sinnbildlich für die letzten Minuten: Athen hielt stand, Antalia verzweifelte. Nach Schlusspfiff stand auf der Anzeigetafel ein nüchternes 1:2, doch die Gesichter erzählten Geschichten von verpassten Chancen und griechischer Effizienz. "Wir haben ein gutes Spiel gemacht, aber gut reicht in Europa nicht", seufzte Kapitän Noe Santos. Und Volker Kraft fügte an: "Wir wollten drei Punkte, jetzt haben wir drei Erkenntnisse: Wir können führen, wir können rennen, aber wir müssen lernen zu treffen." Athen dagegen feierte ausgelassen, als hätte man das Finale erreicht. Iosifidis posierte mit Fans, Samaras bekam den obligatorischen Bierduschenersatz aus isotonischem Getränk, und Trainer Mystery sagte nur: "Manchmal gewinnt nicht der Bessere, sondern der Klügere. Heute waren wir beides." So bleibt Antaliaspor nach zwei Spieltagen mit einer Handvoll Chancen, aber nur einem Punkt zurück, während AEL Athen seine Gruppe mit mediterraner Gelassenheit anführt. Und irgendwo zwischen Euphorie und Ernüchterung summte ein Fan im Ausgang: "Das war schön, aber bitte nächstes Mal ohne Drama." Ein Satz, der in Antalia wohl noch öfter fallen wird. 30.08.643990 16:43 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer