// Startseite
| L’Equipe |
| +++ Sportzeitung für Frankreich +++ |
|
|
|
Ein lauer Märzabend, 58.422 Zuschauer im Stade Raymond-Kopa, und ein Heimteam, das offenbar vergessen hatte, dass man gegen den SC Lens eigentlich Respekt haben sollte. Stattdessen spielte SCCO Angers am 26. Spieltag der Ligue 1 einen Fußball, der so leichtfüßig und frech war, dass selbst Trainer Alex Krepus nach Schlusspfiff schmunzelnd meinte: "Ich habe ihnen gesagt: Tut so, als wäre das Training. Nur dass diesmal 60 000 Leute zusehen." Und genau so sah es aus. Schon nach zwölf Minuten zappelte der Ball das erste Mal im Netz der Gäste. Der 20-jährige David Carrier, ein Stürmer mit dem Selbstbewusstsein eines gestandenen Torjägers, vollendete nach Vorarbeit von Linksverteidiger Jean‑Pierre Bernard zum 1:0. "Ich hab’ einfach gedacht: Warum nicht gleich anfangen?", grinste Carrier später. Und weil er offenbar Geschmack daran gefunden hatte, legte er sechs Minuten später gleich noch einen nach - diesmal nach einem feinen Zuspiel von Thomas Saint‑Pierre. Lens, unter Trainer Christian Richter traditionell offensiv eingestellt, wirkte vom Doppelschlag benebelt. Zwar hatten die Nordfranzosen mit 53 Prozent Ballbesitz optisch mehr vom Spiel, doch Angers war im Abschluss schlicht effizienter. 16 Torschüsse der Hausherren, viele davon gefährlich, standen nur neun der Gäste gegenüber. Als Andre Balzac kurz vor der Pause in der 41. Minute nach Pass von Eric Claude das 3:1 markierte, keimte kurz Hoffnung auf. Doch die wurde noch vor dem Halbzeitpfiff wieder erstickt: Saint‑Pierre, der rechte Flügelwirbelwind von Angers, nahm ein Zuspiel von Bernard auf und traf trocken zum 3:1‑Pausenstand. Der Jubel war ohrenbetäubend. In der Pressezone meinte ein Kollege trocken: "Wenn das so weitergeht, braucht Lens gar nicht mehr aus der Kabine zu kommen." Tatsächlich versuchte Richter in der Pause, sein Team neu zu justieren. "Wir wollten stabiler stehen und dann gezielter kontern", erklärte er später - und sah immerhin, wie sein junger Mittelstürmer Frederic Lefebvre in der 61. Minute nach Vorlage von Alexandre Bellegarde den Anschluss zum 3:2 schaffte. Kurz darauf kassierte sein Rechtsverteidiger Bruno Deschanel Gelb - und 20 Minuten später Gelb‑Rot. "Ich wollte nur den Ball treffen", erklärte der Übeltäter mit unschuldigem Blick, während sein Trainer daneben die Stirn rieb. Angers nutzte die Überzahl eiskalt. In der 71. Minute war es Franck Bossong, der nach schöner Vorarbeit des eingewechselten Ivan Mumlek den 4:2‑Endstand herstellte. Ein Tor, das so sehr nach Lehrbuch aussah, dass selbst die gegnerischen Fans kurz klatschten - oder vielleicht einfach nur erleichtert waren, dass es endlich vorbei war. Statistisch gesehen war es ein Spiel, das in die Kategorie "effizienter Wahnsinn" fällt. Lens hatte mehr Ballbesitz, Angers dafür die klareren Chancen und eine Zweikampfquote von über 52 Prozent. Die Gäste verloren nicht nur das Spiel, sondern auch die Nerven: Drei Gelbe Karten, darunter zwei für Deschanel, waren die Bilanz eines zunehmend frustrierten Abends. Trainer Krepus fasste es später so zusammen: "Wenn du jung bist, rennst du einfach, weil du kannst. Wenn du älter bist, denkst du zu viel nach. Heute war ich froh, dass meine Jungs noch nicht so viel nachdenken." Ein Satz, den man in Angers vermutlich rahmen wird. Christian Richter hingegen suchte die Fehler bei sich: "Vielleicht war ich zu optimistisch. Wir wollten kontern, aber haben vergessen, dass man dafür den Ball erst mal haben muss." Die Zuschauer feierten ihre Mannschaft noch lange nach Abpfiff, während die Spieler von Lens mit gesenkten Köpfen in die Kabine schlichen. Auf der Tribüne summte jemand "C’est la vie", und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das ziemlich gut passte. So bleibt festzuhalten: SCCO Angers zeigt, dass Offensivgeist auch ohne Ballbesitz zum Erfolg führen kann - und dass jugendlicher Übermut manchmal die beste Taktik ist. Oder, wie David Carrier am Spielfeldrand sagte, während er sich einen Schweißtropfen von der Stirn wischte: "Wenn man Spaß hat, trifft man leichter." Ein Satz, der nach diesem Abend fast schon wie eine Fußballweisheit klingt. 07.07.643993 11:24 |
Sprücheklopfer
Da kann er sich doch freuen, mit mir spielen zu können.
Stefan Effenberg nachdem der Transfer von Sebastian Deisler zum FC Bayern bekannt wurde