// Startseite
| Tuttosport |
| +++ Sportzeitung für Italien +++ |
|
|
|
Pisa - 27.000 Zuschauer kamen am Samstagabend in das altehrwürdige Arena Garibaldi, um AS Pisa beim 10. Spieltag der 1. Liga Italien gegen UC Albinoleffe zu sehen. Sie gingen mit Hoffnung, aber ohne Tore nach Hause. Am Ende hieß es 0:2 (0:1), und die Gäste aus Bergamo wirkten, als könnten sie auch noch zwei Stunden weiterspielen - während Pisa schon nach einer halben Stunde nach dem Pausenpfiff lechzte. Bereits in der elften Minute fiel das, was man im Jargon der Heimfans nur ungern "Wachrüttler" nennt: Juan Pablo Rocha, der linke Mittelfeldstratege Albinoleffes, zirkelte den Ball nach feiner Vorarbeit von Heikki Tolsa unhaltbar ins lange Eck. Der 31-Jährige riss die Arme hoch, Tolsa grinste breit, und Pisas Keeper Lukas Hradecky - zarte 17 Jahre alt und mit Schaum vor dem Mund vor Ehrgeiz - klatschte wütend in die Handschuhe. "Ich hab’ den Ball gesehen, aber er kam mir vor wie ein Expresszug", stöhnte der Youngster später in der Mixed Zone. Danach begann das, was Statistiker als "kontrollierte Dominanz" bezeichnen, und der neutrale Zuschauer als "Einbahnstraßenfußball". Albinoleffe schoss insgesamt zwanzig Mal auf das Tor, Pisa ganze zwei Mal. Trotzdem hatte Pisa laut Statistik mit 54 Prozent sogar etwas mehr Ballbesitz - eine Zahl, die Trainer Bembel Macher mit hochgezogenen Augenbrauen kommentierte: "Ja, wir hatten den Ball. Leider meistens da, wo’s keinem wehtut - bei uns hinten." Die Gäste spielten eine offensive, fast schon unverschämt selbstbewusste Linie. Tolsa, der auffälligste Mann auf dem Platz, fegte über die rechte Seite wie ein finnischer Orkan. In der 55. Minute revanchierte er sich für Rochas Vorlage aus Halbzeit eins: Nach einem Doppelpass mit dem Südamerikaner schob Tolsa selbst eiskalt zum 0:2 ein. Wieder Rocha beteiligt, wieder Pisa konsterniert. "Wir haben uns gegenseitig Geschenke gemacht", lachte Tolsa nach dem Spiel in bestem Englisch-Italienisch-Mix. "Erstes Tor er für mich, zweites ich für ihn - Weihnachten im Januar!" Trainer Danek Petri nickte zufrieden. "Unsere Jungs haben heute verstanden, dass Offensivgeist nicht gleich Leichtsinn ist. Und Tolsa - na ja, der spielt ja derzeit in seiner eigenen Liga." Dazwischen hatte Albinoleffe Pech mit einer Verletzung: Linksverteidiger Jacob Primes musste in der 32. Minute humpelnd raus, ersetzt von Leandro Marchesato. "Ich hab’ nur kurz gezwinkert, und schon war’s ein Krampf", scherzte Primes später mit dick bandagiertem Oberschenkel. Pisa dagegen blieb harmlos. Carlo Borgo, der junge Mittelstürmer, versuchte es in der 20. und 50. Minute immerhin zweimal - beide Male ohne Fortune. "Ich hab den Ball getroffen, aber nicht das Ziel. Vielleicht sollte ich künftig Dart spielen", witzelte der 22-Jährige selbstironisch. Die Statistik sprach schließlich Bände: Tacklingquote 41 zu 59 Prozent gegen Pisa, Torschüsse 2 zu 20, aber dafür 54 Prozent Ballbesitz - also viel Kontrolle ohne Konsequenz. Macher versuchte es positiv zu sehen: "Wir verlieren lieber mit Ball als ohne. Aber das ist natürlich kein Konzept, das Karriere macht." In den letzten zwanzig Minuten wurde’s dann hitzig: Tolsa sah in der 72. Minute Gelb, weil er nach einem Foul an Pascal Wolter den Ball noch mal kräftig wegdrosch - pure Leidenschaft oder pure Provokation, je nach Sichtweise. Albinoleffe blieb trotz der kleinen Nickligkeiten ruhig, kontrollierte das Tempo und ließ Pisa laufen, bis diesen selbst die Lust am Hinterherrennen verließ. Als Schiedsrichter Cattaneo schließlich abpfiff, atmete der Heimblock erleichtert auf - nicht, weil noch etwas zu retten gewesen wäre, sondern weil das Leiden endlich vorbei war. 0:2, verdient, deutlich, und irgendwie doch schmeichelhaft für Pisa. "Das war heute wie Schach gegen einen, der alle Figuren zweimal hat", schnaufte Mittelfeldmann Jacques Gaudin nach der Partie. Und sein Trainer Bembel Macher ergänzte trocken: "Manche Mannschaften spielen Fußball, andere zeigen, wie’s geht. Heute haben wir beides gesehen - leider in der falschen Reihenfolge." Ein kleines Trostpflaster blieb immerhin: Der Stadionimbiss vermeldete Rekordumsatz. Offenbar hilft eine doppelte Portion Frittata besser gegen Frust als jede Kabinenansprache. Und während Albinoleffe mit drei Punkten und breitem Grinsen in den Bus stieg, blieb Pisa zurück - mit Fragen, kaltem Wind im Gesicht und dem festen Vorsatz, beim nächsten Mal wenigstens öfter aufs Tor zu schießen. Vielleicht ja schon beim nächsten Spieltag. 03.05.643987 07:05 |
Sprücheklopfer
Meine Unbekümmertheit wandelte sich in kontollierte Spontaneität.
Mehmet Scholl