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Wenn 48.757 Fans an einem frostigen Januarabend ins Stadion strömen, erwartet man keinen lauen Fußballabend. Der SC Aarau lieferte - und wie! Mit einem wuchtigen 4:0 gegen Rot-Weiss Thun am 13. Spieltag der 1. Liga Schweiz verwandelte das Team von Hans Meyer die Arena in ein Tollhaus. Thun dagegen wirkte, als hätte man beim Einlaufen versehentlich den Snooze-Button gedrückt. Es ging los, bevor manche Zuschauer überhaupt Platz genommen hatten: In der ersten Minute jagte Linus Lutz, seines Zeichens Innenverteidiger, den Ball nach einer Ecke von Detlev Jacob in die Maschen. "Ich wollte eigentlich nur den Kopf hinhalten - und plötzlich war der Ball drin", grinste Lutz später. Coach Meyer kommentierte trocken: "Wenn der Abwehrchef anfängt, Tore zu schießen, kann der Abend ja nur gut werden." Aarau presste früh, rannte mutig an und ließ den Ball laufen, als hätten sie sich vorgenommen, die 52 Prozent Ballbesitz auch optisch zu rechtfertigen. Thun dagegen kam kaum hinterher - vier kümmerliche Torschüsse in 90 Minuten sprechen Bände. In der 36. Minute folgte dann das nächste Kapitel des Aarauer Fußballmärchens: Der 19-jährige Linksverteidiger Franck Buffett, eben noch damit beschäftigt, die linke Seite dichtzumachen, fasste sich ein Herz und hämmerte den Ball aus spitzem Winkel unter die Latte - nach feiner Vorarbeit von Lutz. "Ich hab’ einfach mal draufgehauen", erklärte Buffett schüchtern. "Linus meinte vorher noch: ’Trau dich!’ - also hab ich mich getraut." Zur Pause stand es 2:0, und Hans Meyer wirkte so gelassen, als hätte er gerade eine Tasse Kräutertee statt eines taktischen Plans in der Hand. "Wir bleiben ruhig", sagte er in der Kabine, "aber wenn’s noch eins gibt, beschwert sich auch keiner." Nach dem Seitenwechsel wechselte Meyer munter durch: Der junge Vincent Barre kam für Buffett, und Justin Desjardins ersetzte Lutz - wohl um die Verteidigung zu schonen, die bis dahin kaum gefordert war. Thun-Trainer (dessen Name nach Spielende wohl besser ungenannt blieb) versuchte seinerseits, mit lautstarken Kommandos Leben in seine Elf zu bringen. "Mehr Aggressivität!", schrie er, aber seine Spieler verstanden offenbar "mehr Abstand". In der 67. Minute sorgte Tom Scholz für den endgültigen Knockout. Der 32-jährige Rechtsaußen, bisher eher als Vorlagengeber bekannt, schloss nach einem butterweichen Zuspiel von Desjardins ab - 3:0. Scholz riss die Arme hoch, drehte sich zum Publikum und rief: "Das war für meine Oma! Sie meckert immer, dass ich zu selten treffe." Sieben Minuten später durfte auch Andreas Pfeiffer noch jubeln. Nach feinem Pass des jungen Ronald Sturm lupfte er den Ball über Thuns Keeper Sascha Burger hinweg - 4:0. Pfeiffer grinste breit: "Ich hab den Lupfer schon im Training probiert, da ging er auf den Parkplatz. Heute war er drin - Timing ist alles." Rot-Weiss Thun stand da wie ein Boxer, der nach drei Runden weiß, dass der Gegner einfach besser ist. Zwar bemühten sich Alfonso Cabrero und Tom Westphal noch um ein paar harmlose Abschlüsse, doch Aarau-Keeper Marco Breze verbrachte einen ruhigen Abend. "Ich hätte fast gefroren", witzelte er nach dem Spiel, "aber dann kam doch noch ein Schuss in der 72. Minute - danke dafür." Statistisch war es ein Klassenunterschied: 22 Torschüsse für Aarau, 4 für Thun. Tacklingquote 57 zu 43 Prozent, Ballbesitz leicht zugunsten der Gastgeber - doch in der Wucht der Aktionen lag der Unterschied. Aarau spielte mit "STRONG"-Aggressivität, Thun mit "STANDARD"-Lethargie. Nach Abpfiff stand Hans Meyer mit einem verschmitzten Lächeln vor den Kameras: "Wenn man 4:0 gewinnt, dann hat man meistens nicht viel falsch gemacht. Aber nächste Woche zählt’s wieder bei null." Ganz der alte Pragmatiker. Während die Fans noch feierten, hörte man aus der Thuner Kabine dumpfes Schweigen - vielleicht auch das Rascheln eines zerknüllten Spielplans. Eines ist sicher: Wer die Aarauer an diesem Abend sah, glaubt wieder an den Fußball als Spektakel. Und wer Thun sah, glaubt an die Macht des Wiederaufbaus. Am Ende blieb das Gefühl, einem jener Abende beigewohnt zu haben, an denen alles passte: frühe Tore, jugendlicher Übermut, erfahrene Abgeklärtheit - und ein Publikum, das jede gelungene Aktion feierte, als ginge es um den Titel. "Das war Fußball, wie man ihn sich wünscht", sagte ein älterer Fan beim Hinausgehen. "Und jetzt noch ein Glühwein - zur Feier des 4:0." Aarau lacht, Thun leidet - und die Liga hat ein Ausrufezeichen mehr. 07.06.643987 00:30 |
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Die ran-Datenbank trägt eine Mitschuld daran, dass die Spieler oft das Risiko scheuen.
Erich Ribbeck