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Wer am Samstagabend ins Stadio Comunale kam, bekam mehr geboten als nur ein Fußballspiel. 57.147 Zuschauer - eine Zahl, die man in Chiasso sonst eher von Rockkonzerten kennt - sahen einen wilden 3:2-Sieg des SC Aarau beim SC Chiasso. Tore, Emotionen, gelbe Karten, und eine Prise Verzweiflung - es war alles dabei, was ein Schweizer Erstligaspiel zwischen zwei Mannschaften bieten kann, die sich selbst für deutlich größer halten, als sie sind. Aarau legte los, als wollte Trainer Hans Meyer schon in der 12. Minute den Feierabend einläuten. Jean-Pierre Westphal, der Regisseur des Aargauer Mittelfelds, fand mit einem perfekt getimten Pass Marc Pelletier, der trocken ins lange Eck abschloss. 1:0 - und die Heimfans rieben sich die Augen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Pelletier später. "Aber dann war er halt drin - passiert." Chiasso taumelte kurz, fand aber keinen Halt. In der 27. Minute legte Aarau nach: Wieder Westphal, diesmal auf Malkolm Holmqvist, der aus halbrechter Position abzog - 2:0. Der Jubel der Gäste war laut, aber nicht übermütig. Trainer Meyer blieb stoisch: "Ich habe meinen Spielern gesagt, das ist kein Grund, plötzlich schön spielen zu wollen." Kurz vor der Pause hörte man von der Tribüne ein unzufriedenes Raunen. Chiasso hatte mehr Ballbesitz (am Ende 53 Prozent) und mehr Torschüsse (9 zu 7), aber keine Tore. Christiano Ronaldo - nein, nicht *der* Ronaldo, aber ein Namensvetter mit Ambitionen - drosch in der 6. Minute aus 25 Metern drauf. Der Ball flog Richtung Autobahn. Dann kam die 47. Minute, und plötzlich war Leben in der Bude: Alejandro Poncela tanzte auf rechts seinen Gegenspieler aus, flankte flach in den Strafraum, wo Isaac Millington zum 1:2 einschob. Das Stadion explodierte förmlich. Trainer Heiko Vogel fuchtelte wild an der Seitenlinie, als wolle er selbst eingewechselt werden. "Da war das Feuer wieder da", grinste er später. "Leider hat’s nur kurz gebrannt." Denn Aarau antwortete eiskalt. Nur sieben Minuten später, in der 54. Minute, war Thomas Herzog zur Stelle. Nach feiner Vorarbeit des 19-jährigen Ronald Sturm - der Name ist Programm - drückte Herzog den Ball zum 3:1 über die Linie. Chiassos Torhüter Joseph Bridges sah dabei aus, als rechne er eher mit einem Rückpass. "Das war das typische Momentum-Tor", erklärte Aaraus Kapitän Westphal nach dem Spiel. "Wenn du vorne bist und der Gegner gerade wieder Hoffnung schöpft, dann musst du ihm die Luft rauslassen. Und genau das haben wir gemacht." Chiasso kämpfte weiter, mit viel Herz und etwas Chaos. Fernando Carvalho ackerte auf links, Louis Erdmann schoss, was ihm vor den Fuß kam, und Bruno Runge sah in der 49. Minute Gelb, weil er offenbar vergessen hatte, dass Grätschen kein Kontaktsport ist. Aber immerhin: In der 63. Minute durfte die Südtribüne nochmal jubeln. Xavi Gonzalez, eigentlich rechter Verteidiger, stürmte nach vorn und traf nach Vorlage von Carvalho zum 2:3. Wer jetzt noch saß, war entweder neutral oder Teil des Schiedsrichtergespanns. Die Schlussphase gehörte Chiasso - zumindest optisch. Ronaldo (der Chiasso-Ronaldo) versuchte sich in der 94. Minute mit einem Sonntagsschuss, der aber mehr Richtung Satellit ging als Richtung Tor. Auf der Aarauer Bank wurde trotzdem gezittert. "Ich hab kurz überlegt, ob ich mich selbst einwechseln soll", witzelte Trainer Meyer später. "Aber dann fiel mir wieder ein, dass ich 72 bin." In der Nachspielzeit gab’s noch eine gelbe Karte für Eri Reinhardt (Aarau, 87.), als er sich etwas zu sehr in einen Zweikampf verliebte. Danach pfiff der Schiedsrichter ab, und Aarau jubelte. Chiasso sank in sich zusammen, wie eine überhitzte Espressomaschine nach dem dritten Durchlauf. Statistisch betrachtet hätte das Spiel auch anders ausgehen können - mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse, mehr Laufleistung für Chiasso. Aber Fußball wird bekanntlich nicht nach Excel-Tabellen entschieden. "Wir haben alles gegeben", sagte Vogel nach dem Spiel. "Manchmal reicht das nicht. Aber wenigstens hatten wir mehr Ballbesitz - das ist ja auch was fürs Auge." So bleibt Aarau oben dran, während Chiasso weiter nach der Form sucht, die man zwischen den Bergen und den Espresso-Tassen offenbar verloren hat. Und irgendwo in der Kabine soll Christiano Ronaldo (der jüngere, lokale) gesagt haben: "Ich schieß den nächsten wirklich rein." - Darauf darf man sich beim nächsten Spiel freuen. 23.10.643987 22:09 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund