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Es war ein lauer Januarabend in der Champions League, aber was sich in Aarau vor 79.500 Zuschauern abspielte, hatte wenig mit Winterschlaf zu tun. Der SC Aarau begann gegen Giannina, als wolle er sämtliche Zweifel an seiner Offensivkraft mit einem Feuerwerk beseitigen - und wurde am Ende doch Opfer seiner eigenen Euphorie. 2:3 hieß es nach 90 intensiven Minuten, in denen die Griechen (oder besser: die Männer in Blau) den Schweizern mit eiskalter Effizienz den Stecker zogen. Schon nach drei Minuten bebte das Stadion: Marc Pelletier, der flinke rechte Flügelstürmer, traf nach feinem Zuspiel von Malkolm Holmqvist zum 1:0. Trainer Hans Meyer sprang an der Seitenlinie auf wie ein Teenager beim ersten Konzertbesuch. "Wir wollten früh ein Zeichen setzen - das war dann wohl ein Ausrufezeichen", grinste er später, noch bevor er ahnte, wie sehr dieses Zeichen verblassen würde. Denn Giannina reagierte nicht mit Nervosität, sondern mit mediterraner Ruhe. Nur drei Minuten nach dem Rückstand tanzte Gerasimos Choutos, der linke Wirbelwind der Gäste, durch die Abwehr wie ein Tourist durch die Altstadt - elegant, ziellos und plötzlich brandgefährlich. 1:1. Der Assist kam von Diego Albentosa, der anschließend seelenruhig die Hände hob, als wolle er sagen: "Alles unter Kontrolle." Trainer Kai Häntsch kommentierte trocken: "Wir haben einfach aufgehört, höflich zu sein." Doch Aarau ließ sich nicht einschüchtern. In der 15. Minute zog Rechtsverteidiger Jake Winfield nach einem Kombinationswirbel mit Sean Corraface ab - und traf. 2:1 für Aarau, das Stadion im Ausnahmezustand. Winfield kassierte später noch Gelb (55.), aber in diesem Moment war er der Held. "Ich habe einfach draufgehauen. Wenn man so viel trainiert, darf man sich auch mal belohnen", lachte der Engländer - bevor er in der 64. Minute ausgewechselt wurde und Niclas Krieger übernahm. Was dann folgte, war eine Lehrstunde in Geduld und Effizienz. Giannina, taktisch stets ausgewogen, mit balanciertem Angriffsspiel und sicherem Passspiel, wartete nur auf die Lücken. In der 36. Minute flankte Rui Bosingwa butterweich auf Jack Sutherland - 2:2. Und kaum hatte Aarau den Schock verdaut, kam Choutos wieder. In der 42. Minute traf er erneut, diesmal nach Vorlage von Sutherland. 2:3. Drei Tore in einer Halbzeit - und jedes mit chirurgischer Präzision. In der Pause sah man Coach Meyer gestikulierend vor der Kabine. "Wir müssen mutig bleiben, aber hinten nicht wie beim Tag der offenen Tür", soll er gerufen haben. Seine Spieler nickten, sahen aber aus, als hätten sie gerade eine Mathearbeit ohne Taschenrechner geschrieben. Die zweite Halbzeit? Ein Anrennen Aaraus, aber ohne Fortune. 12 Torschüsse, 48 Prozent Ballbesitz - viel Aufwand, wenig Ertrag. Pelletier prüfte den Torwart in der 54. und 94. Minute gleich doppelt, doch Alejandro Ronaldo - der Keeper mit dem wohl prominentesten Namen des Abends - hielt bis zu seiner Verletzung in der 74. Minute alles, was kam. Ersatzmann Nuno Carvalho musste spontan ran und brüllte seine Vorderleute an: "Gebt mir wenigstens zehn Sekunden zum Warmwerden!" Zehn Sekunden bekam er nicht, aber immerhin keinen Gegentreffer. Giannina selbst blieb in der zweiten Hälfte gelassen. Kein Pressing, kein unnötiges Risiko - einfach cleverer Fußball. Choutos grinste nach dem Spiel: "Wir wussten, sie würden rennen. Wir wussten auch, dass sie irgendwann müde werden." Trainer Häntsch, der die Ruhe selbst war, zog am Ende ein nüchternes Fazit: "Aarau hat mehr geschossen, wir haben öfter getroffen. Das ist am Ende der Unterschied zwischen Statistik und Sieg." Hans Meyer hingegen suchte Trost im Sarkasmus: "Wenn Schönheit Punkte gäbe, hätten wir gewonnen. Leider zählt in der Champions League noch immer das Tor." So blieb dem SC Aarau nur der Applaus des Publikums - und das Gefühl, ein großartiges, aber bitteres Spektakel erlebt zu haben. Giannina nimmt die drei Punkte mit und die Erkenntnis, dass man mit kühlem Kopf selbst in der brodelnden Brügglifeld-Arena bestehen kann. Und Aarau? Vielleicht üben sie bis zum nächsten Spiel noch ein bisschen "defensives Denken". Oder, wie Winfield beim Hinausgehen murmelte: "Vielleicht sollten wir einfach mal ein Tor weniger schießen - dann haben wir am Ende vielleicht eins mehr." Ein Abend voller Leidenschaft, Lücken und Lehrgeld - kurz: Champions League, wie sie leibt und lebt. 14.05.643987 16:43 |
Sprücheklopfer
Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muß man sich fragen: Warum!? Ja, warum? Und was muß man tun? Ihn sich wiederholen!
Giovanni Trappatoni