// Startseite
| World Soccer |
| +++ Sportzeitung für internationale Wettbewerbe +++ |
|
|
|
79500 Zuschauer im ausverkauften Stadion erlebten am Freitagabend ein Spektakel, das man so schnell nicht vergisst - und das vermutlich auch keiner so ganz erklären kann. Der SC Aarau, eigentlich als Außenseiter ins Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gestartet, rang den favorisierten VFL Stuttgart mit 3:2 nieder. Das Ergebnis klingt knapp, war aber ein wilder Ritt zwischen Genie, Wahnsinn und ein bisschen Slapstick. Schon nach sechs Minuten bebte das Stadion. Malkolm Holmqvist, der rechte Wirbelwind der Aargauer, nahm eine butterweiche Flanke von Jean-Pierre Ames volley - und zimmerte den Ball humorlos ins kurze Eck. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn man überlegt, ist der Moment schon vorbei", grinste Holmqvist später, während er sich demonstrativ eine Banane schälte. Stuttgart, offenbar noch im Anflugmodus, brauchte keine fünf Minuten, um zu antworten. Gleb Schalimow, jener bullige Mittelstürmer mit dem Charme eines Abrissunternehmers, nickte eine Hereingabe von Carles Herreros zum 1:1 ein. Das Spiel war früh offen, und ganz ehrlich: es hätte auch 2:2 nach 15 Minuten stehen können, so wild war das Hin und Her. Aarau schoss aus allen Lagen (14 Torschüsse), Stuttgart versuchte es eher dosiert (8), aber mit Bedacht. Die Taktikblätter sagten "offensiv" bei beiden, die Realität sagte: "Chaos, aber schön anzusehen." Kurz vor der Pause dann der Moment, in dem Aarau das Glück gepachtet zu haben schien. Wieder Jean-Pierre Ames, diesmal mit einer butterweichen Vorlage von links, und Carl Münch hielt im Strafraum den linken Schlappen rein - 2:1 in der 41. Minute. Ein Tor, so klassisch, dass man es in einem VHS-Lehrfilm über Flügelspiel zeigen könnte. "Ich wusste gar nicht, dass ich links so gut bin", meinte Münch hinterher und lachte, "aber man lernt nie aus, oder?" Pause. 2:1. Und Trainer Hans Meyer, der alte Fuchs, verschwand mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade entdeckt, dass sein Team tatsächlich Fußball spielen kann. Nach dem Seitenwechsel schien Stuttgart entschlossen, die Geschichte zu drehen. In der 52. Minute fasste sich Linksverteidiger Riccardo Ottonello ein Herz, rauschte über den Flügel, zog ab - und traf. Ausgerechnet ein Außenverteidiger! "Ich dachte, Cabrero ruft, ich soll flanken. Aber er schrie wohl ’schießen’", erklärte Ottonello später, halb entschuldigend, halb stolz. 2:2 - und plötzlich war alles wieder offen. Doch Aarau hatte an diesem Abend einfach das letzte Wort. In der 64. Minute flankte der eingewechselte Eri Reinhardt, frisch von der Bank, präzise in die Mitte, wo Thomas Herzog lauerte und per Kopf zum 3:2 einnickte. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft, dass niemand im Weg steht", witzelte Herzog nach dem Spiel. Niemand stand im Weg. Nur 79.500 Menschen schrien die Lungen leer. Danach wurde es ruppiger. Zwei Gelbe Karten für Aarau (Luis Simard in der 19., Eri Reinhardt in der 72.) zeigten, dass der Schweizer Charme auch Grenzen kennt. Stuttgart brachte frische Kräfte - Marcio Dominguez ersetzte den müden Van Duzen, später kam Miguel Costa für den verletzten Rafael Bermudo, der mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz musste. "Nichts Schlimmes", beruhigte Trainer Venni Mislintat, "nur Wadenkrampf und geknickte Ehre." Aarau verteidigte den Vorsprung, mal mit Glück, mal mit Verzweiflung. Torhüter Louis Noack rettete in der 84. Minute gegen Carl Derlei mit einer Parade, die so unorthodox war, dass sie wahrscheinlich in keinem Lehrbuch steht. "Ich hab einfach das Knie hochgerissen. Wenn’s hilft, war’s Absicht", grinste Noack. Am Ende standen nicht nur 3:2 Tore, sondern auch fast identischer Ballbesitz - 50,7 Prozent für Aarau, 49,3 für Stuttgart. Eine Partie auf Augenhöhe, nur mit dem kleinen Unterschied, dass Aarau seine Chancen konsequenter nutzte. "Wir haben nicht verloren, wir haben nur kurz vergessen, wie man verteidigt", kommentierte Mislintat trocken. Hans Meyer hingegen wirkte fast gerührt: "Wenn man sieht, wie die Jungs da rennen, grätschen, leiden - das ist kein Fußball, das ist Kunsthandwerk." Ein Sieg, der Mut macht - und zugleich ein Versprechen auf ein noch nervenaufreibenderes Rückspiel. In Stuttgart wird die Luft dünner, aber wer Aarau nach diesem Abend abschreibt, hat das Fußballmärchen noch nicht verstanden. Oder wie es ein Fan auf der Tribüne rief, während die Spieler jubelnd Richtung Kurve liefen: "Das ist kein Glück - das ist Aarau!" Und vielleicht hatte er recht. Ein bisschen zumindest. 30.09.643987 18:10 |
Sprücheklopfer
Ich, was meine Person betrifft, entscheide für mich alleine.
Lothar Matthäus