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Wenn 16.200 Zuschauer an einem kühlen Märztag in Vegesack ins Stadion pilgern, dann hoffen sie auf ein Fußballwunder. Und tatsächlich, sie bekamen eines - nur leider das falsche. Nach 124 torlosen Minuten, unzähligen vergebenen Chancen und einem Elfmeterkrimi, der mehr Herzklopfen als Tore bot, musste sich die SG Vegesack dem favorisierten 1. FC Heidenheim mit 3:5 nach Elfmeterschießen geschlagen geben. Dabei hatte alles danach ausgesehen, als könnte der Underdog aus dem Norden den großen Favoriten aus dem Pokal kegeln. 31 Torschüsse, 62 Prozent Ballbesitz, eine Tacklingquote von 60 Prozent - Zahlen, bei denen jeder Statistiker die Hände reibt. Nur das Entscheidende fehlte: das Tor. Schon in der 10. Minute begann das Drama. Rechtsverteidiger Riley Morrison, sonst eher für den gepflegten Einwurf als den Abschluss bekannt, hämmerte den Ball aus zwanzig Metern auf die Kiste - und zwang den jungen Heidenheimer Keeper Benjamin Hofer zu einer Glanzparade. "Ich dachte, das Netz reißt gleich", grinste Morrison später, "aber der Torwart hatte wohl andere Pläne." Es war der Auftakt zu einer Einbahnstraßenpartie. Ronald Sonnenschein, 19 Jahre jung und mit dem sonnigsten Namen der Liga gesegnet, scheiterte gleich mehrfach - in der 43., 50., 56., 61. und 63. Minute. Immer wieder flog der Ball knapp vorbei, landete am Pfosten oder direkt in den Armen des überragenden Hofer. "Ich hab irgendwann angefangen, mich beim Ball zu entschuldigen", flachste Sonnenschein nach dem Spiel. Heidenheim dagegen kam offensiv so selten aus der eigenen Hälfte, dass man sich fragte, ob der Bus nicht versehentlich auf dem Rasen geparkt wurde. Kein einziger Torschuss in 120 Minuten - das muss man erstmal schaffen. Trainer Tino Körber erklärte trocken: "Wir wollten defensiv stabil stehen. Dass wir dabei komplett auf Offensivaktionen verzichtet haben, war… nennen wir es mal konsequent." Vegesack-Coach Neville Omalley rang nach der Partie um Fassung: "Wenn du 31 Mal aufs Tor schießt und keiner rein will, dann weißt du, der Fußballgott hat heute frei." In der Tat schien eine unsichtbare Hand über dem Heidenheimer Tor zu wachen - oder einfach ein überragender Torwart. Dann kam das Elfmeterschießen - die Lotterie, die so oft Träume zerstört. Jörg Otto trat als Erster für Vegesack an - und verzog. Man hörte förmlich, wie 16.200 Kehlen kollektiv stöhnten. Heidenheims Routinier Filippo Carpanzano, 33 Jahre alt, verwandelte eiskalt. Danach trafen Sonnenschein, Morrison und Singer für die Gastgeber, während Konrad, Ganesvoort, Ames und Eusebio für Heidenheim sicher verwandelten. Der entscheidende Unterschied: Vegesacks Jüngster, der 17-jährige Laszlo Berkessy, scheiterte nervös - und damit war das Märchen vorbei. "Ich hab einfach zu viel nachgedacht", gab Berkessy mit zitternder Stimme zu. "Beim nächsten Mal hau ich ihn einfach blind drauf." Trainer Omalley legte ihm tröstend den Arm um die Schulter: "Laszlo hat ein Riesenspiel gemacht. Wenn einer den Ball nicht reingehaut hat, dann weil er’s zu gut machen wollte." Heidenheim jubelte, aber selbst dort wirkte der Sieg ein bisschen peinlich. "Wenn du keinen einzigen Schuss aufs Tor abgibst und trotzdem gewinnst, darfst du dich nicht beschweren", sagte Körber mit einem schiefen Grinsen. Das Publikum verabschiedete seine Vegesacker mit stehenden Ovationen. Man hatte ein Spiel gesehen, das alles bot - außer einem Tor. Leidenschaft, Chancenwucher, Nervenkrieg, ein verletzter Heidenheimer (Jason Kluge musste in der 77. Minute raus), zwei Gelbe Karten, und am Ende das grausame Elfmeterschicksal. Im Pressezelt nach dem Spiel meinte Omalley, noch halb lachend, halb verzweifelt: "Wir hätten bis Mitternacht spielen können, der Ball wäre trotzdem nicht reingegangen. Aber wissen Sie was? Wenn wir so weiterspielen, dann gehen wir irgendwann als Sieger vom Platz - und dann richtig." So bleibt Vegesack nur der Trost, den großen Favoriten fast in die Knie gezwungen zu haben. Und vielleicht die Erkenntnis, dass Fußball manchmal einfach nicht gerecht ist - aber immer Geschichten schreibt, die man nicht vergisst. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenn du 31 Schüsse brauchst, um rauszufliegen, dann hast du wenigstens alles versucht." Und das, in Vegesack, zählt fast so viel wie ein Sieg. 19.01.643994 03:21 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum