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Ein Flutlichtabend wie gemalt für Fußballromantiker - und für jene, die Drama mögen. 41.633 Zuschauer im Szusza-Ferenc-Stadion sahen beim 13. Spieltag der 1. Liga Ungarn ein 4:4 der kuriosen Sorte. Ujpest Budapest führte schon 4:1, um am Ende gegen den nie aufgebenden KSC Siofok doch noch alles aus der Hand zu geben. Trainer Josh Allen stand nach dem Schlusspfiff minutenlang regungslos an der Seitenlinie, während sein Gegenüber Kersten Rittner mit einem Grinsen in Richtung Himmel schaute: "Ich hab den Jungs in der Pause gesagt, sie sollen wenigstens so tun, als wollten sie Fußball spielen. Offenbar hat’s funktioniert." Dabei begann alles nach Plan für die Hausherren. Ujpest, offensiv eingestellt und mit jugendlicher Spielfreude, dominierte die erste Halbzeit fast nach Belieben. Nach 23 Minuten klingelte es erstmals: Der 19-jährige Gianluca Pellegrino vollendete nach feinem Steckpass von Pekka Uusimäki zum 1:0. "Ich hab einfach draufgehalten - und gehofft, dass der Ball nicht den Parkplatz trifft", grinste der Teenager später. Nur zwölf Minuten später traf Jozsef Dunai mit einem satten Schuss aus 20 Metern zum 2:0, nachdem Zoltan Koranyi uneigennützig quergelegt hatte. Das Stadion bebte, die Fans sangen, und Ujpests Trainer Allen klatschte so enthusiastisch, dass er beinahe seine Uhr verlor. Siofok? Kam kaum zur Entfaltung. Zwar verzeichneten die Gäste schon in Halbzeit eins mehr Abschlüsse, aber nichts wirklich Zwingendes. Oliver Davonport prüfte Torwart Garritt Hacker einmal ernsthaft, doch der reagierte blitzschnell. Stattdessen sammelte Ujpests Sturmtrio Feldmann, Dalnoki und Uusimäki fleißig Gelbe Karten - offenbar eine neue Form der Defensivarbeit. Nach dem Seitenwechsel dann der Doppelschock für die Gastgeber. Kaum war wieder angepfiffen, traf Davonport (50.) nach Vorarbeit von Mirko Glowacki zum 2:1 - der Startschuss eines wilden Schlagabtauschs. Ujpest antwortete prompt: Arnau Mendivil stellte nach Koranyi-Vorlage (54.) den alten Abstand wieder her, und nur zehn Minuten später erhöhte Jeno Dalnoki (64.) auf 4:2. Zu diesem Zeitpunkt schien alles entschieden, und Trainer Allen witzelte Richtung Ersatzbank: "Vielleicht kann Ferenc noch ein paar Minuten schnuppern." Doch Siofok dachte gar nicht daran, sich in die Donau zu werfen. Nur eine Minute nach Dalnokis Treffer verkürzte Vitorino Rocha (63.) für die Gäste, nachdem er den Ball aus 18 Metern in den Winkel zimmerte - ein Tor, das sogar einige Heimfans mit Applaus quittierten. Und dann kam der große Auftritt des Routiniers Carl Capucho. Erst leitete er den Treffer von Daniel Arnaud (67.) clever ein, dann sorgte er selbst in der 81. Minute nach Vorarbeit von Torsten Schlüter für den 4:4-Endstand. "Ich bin 32, aber heute habe ich mich wie 22 gefühlt", lachte Capucho nach der Partie. "Vielleicht lag’s am Kaffee in der Halbzeit." Trainer Rittner nickte: "Ich glaube, es lag eher daran, dass wir endlich aufgehört haben, Angst zu haben." Ujpest dagegen fand kein Mittel mehr. Zwar hatten sie mit 54,6 Prozent Ballbesitz und 12 Torschüssen die Kontrolle, doch Siofok (20 Abschlüsse!) war in der zweiten Hälfte schlicht bissiger. Auch die Einwechslung des 17-jährigen Ferenc Hidegkuti in der 85. Minute brachte keine Wende mehr - obwohl der Debütant in einer Szene mit einem kühnen Fallrückzieher fast zur Legende geworden wäre. Nach dem Schlusspfiff herrschte Ratlosigkeit. "So ein Spiel darfst du nie, nie, nie herschenken", knurrte Ujpests Coach Allen und verschwand wortlos in den Kabinentrakt. Verteidiger Laszlo Egressy, Gelbsünder und Symbolfigur des wankenden Defensivblocks, meinte trocken: "Wir wollten den Fans einfach was bieten. Vielleicht ein bisschen zu viel." Siofok indes feierte das Remis wie einen Sieg. Die Ersatzspieler tanzten auf dem Rasen, während die Fans aus der Provinz sangen, als hätten sie die Meisterschaft gewonnen. "Das war pure Leidenschaft", jubelte Rittner, "manchmal ist ein Punkt mehr wert als drei." Ujpest bleibt mit dem 4:4 zwar im oberen Tabellendrittel, hat aber eine Lektion gelernt: Spiele dauern 90 Minuten - und manchmal noch ein paar Nerven länger. Die Statistik mag sagen, Budapest hatte mehr Ballbesitz, die Wahrheit aber steckt in den Gesichtern: pure Verzweiflung hier, ungläubige Freude dort. Oder, wie der Stadionsprecher beim Abpfiff ungewollt philosophisch meinte: "Das war Fußball in seiner schönsten, grausamsten Form." Und wer das erlebt hat, weiß: Es gibt schlechtere Gründe, an einem kalten Februarabend ins Stadion zu gehen. 15.10.643990 20:58 |
Sprücheklopfer
Als ich zuletzt Sergio in Eurosport gesehen habe, dachte ich mir auch nur: Das kann er nicht sein, da muss sich einer maskiert haben.
Rainer Calmund