// Startseite
| Nemzeti Sport |
| +++ Sportzeitung für Ungarn +++ |
|
|
|
An einem frostigen Budapester Abend verwandelte sich das Szusza-Ferenc-Stadion in ein lila-weißes Tollhaus. 40.451 Zuschauer sahen, wie Ujpest Budapest beim 3:1 gegen KSC Siófok nicht nur drei Punkte holte, sondern auch eine ordentliche Portion Spielfreude zurückfand. Trainer Josh Allen grinste nach Abpfiff zufrieden: "Heute hat man gesehen, dass die Jungs wieder Spaß am Fußball haben. Und John hat wohl vergessen, dass er eigentlich Mittelfeldspieler ist - der schießt ja Tore wie ein Stürmer." Tatsächlich war John Primes der Mann des Abends. In der 26. Minute stand er nach feiner Vorarbeit von Rechtsverteidiger Eduardo Eximenonis goldrichtig und schob trocken ein. Nur acht Minuten später legte er nach - diesmal nach einer butterweichen Flanke von Linksverteidiger Timm Schindler. Zwei Tore, beide aus dem Mittelfeld, und jedes so präzise, dass Siófok-Keeper Ivan Breska nur hinterherblicken konnte. "Ich dachte zuerst, der Ball wäre über das Netz gegangen", gab Breska später zu, "aber dann hörte ich nur das Jubeln. Da wusste ich: Mist, schon wieder Primes." Siófok versuchte, sich mit bissigem Zweikampfverhalten zurückzukämpfen - das zeigte auch die Statistik: knapp 49 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 11 Torschüsse, und eine Gelbe Karte für den rustikalen Abwehrchef Christiano Travassos in der 72. Minute. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte sich der Kapitän, "aber der Ball war schneller." Sein Trainer Sky Blue kommentierte trocken: "Christiano ist ein leidenschaftlicher Spieler - manchmal ein bisschen zu leidenschaftlich. Aber das ist der Spirit, den wir brauchen." Nach der Pause ließ Ujpest nicht locker. In der 52. Minute belohnte sich der quirlig junge Lajos Szollar für eine bärenstarke Leistung. Nach einem perfekten Pass von Nuno Mocana tauchte Szollar rechts im Strafraum auf und vollendete mit einem Schuss, der so wuchtig war, dass selbst das Netz kurz um Gnade bat. 3:0 - und das Stadion bebte. "Ich hab einfach draufgehalten", lachte Szollar später, "Coach Allen hat gesagt, ich soll öfter schießen. Jetzt darf ich vielleicht sogar mal beim Freistoß ran." Siófok jedoch bewies Moral. In der 64. Minute gelang Oliver Davonport der Ehrentreffer nach einer Kopfballverlängerung von Innenverteidiger Filipe Eusebio. Der Treffer war schön - fast zu schön für ein Spiel, das da längst entschieden schien. "Wir haben Charakter gezeigt", meinte Davonport anschließend, "aber es ist schwer, wenn du gegen eine Mannschaft spielst, die heute alles trifft, was rund ist." Die Partie war über weite Strecken offen, auch wenn das Ergebnis anderes vermuten lässt. Beide Teams suchten den Abschluss - 12 Torschüsse auf Ujpests Seite, 11 bei Siófok. Der Ballbesitz von 55 zu 45 Prozent zugunsten der Hausherren spricht für eine leichte Dominanz, aber nicht für Überlegenheit. "Wenn man ehrlich ist", sagte Siófoks Trainer Sky Blue mit einem Schmunzeln, "wir hatten unsere Chancen. Nur leider haben wir vergessen, dass man Tore nicht bloß ansieht, sondern auch schießt." In der Schlussphase ließ Ujpest den Ball laufen, fast verspielt, fast überheblich. Die Fans sangen, die Ersatzspieler grinsten - nur Josh Allen blieb ernst: "Solche Spiele darfst du nicht schleifen lassen. Wenn du 3:0 führst, willst du 4:0. Aber gut, 3:1 ist auch hübsch." Einziger Wermutstropfen für die Gastgeber: Eximenonis sah kurz nach der Pause Gelb - "zu engagiert im Jubeln", wie der Schiedsrichter angeblich sagte. Der Verteidiger konterte: "Wenn Jubeln verboten ist, spiele ich künftig mit Pokerface." So endete ein Abend, an dem Ujpest Budapest die eigene Offensive wiederentdeckte und KSC Siófok trotz tapferem Kampf mit leeren Händen dastand. Drei Punkte, drei Tore, ein Held namens John Primes - und ein Publikum, das noch lange nach Abpfiff nicht nach Hause wollte. Oder, wie ein älterer Fan im Stehblock rief, während er den Schal schwenkte: "So will ich mein Ujpest sehen - nicht nur gewinnen, sondern tanzen!" Vielleicht war es dieser Tanz, der Budapest an diesem Abend ein bisschen wärmer machte. 28.06.643987 07:39 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum