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Wenn Fußballgötter Launen hätten, sie hätten sich an diesem frostigen Januarabend in Szombathely köstlich amüsiert. Der FC Szombathely führte zur Pause verdient mit 1:0, kontrollierte Ball und Gegner - und stand am Ende doch mit leeren Händen da. Kozarmisleny, der Außenseiter mit 12500 ungarischen Kehlen gegen sich, gewann mit 2:1 und bewies, dass Herz manchmal mehr zählt als Ballbesitz. Dabei schien alles nach Plan zu laufen für die Gastgeber. In der 19. Minute traf Roberto Morais nach einem feinen Pass von Innenverteidiger Gabor Nyilasi - ja, ausgerechnet der Abwehrchef, der kurz darauf Gelb sah. Morais schlenzte den Ball in den Winkel, als wolle er sagen: "So macht man das, Jungs." Das Stadion tobte, und Trainer sowie Ersatzbank feierten, als sei der Klassenerhalt schon gesichert. "Wir hatten das Spiel im Griff", knurrte Morais später in die Mikrofone. "Dann haben wir wohl gedacht, das reicht." Und das war das Problem. Szombathely spielte zwar gefällig, mit 60 Prozent Ballbesitz und einer Passquote, die jeden Statistikliebhaber zufriedenstellt, aber eben ohne Killerinstinkt. Nach der Pause wendete sich das Blatt. Kozarmisleny kam mit frischem Mut - und offenbar mit einem Koffeinüberschuss - aus der Kabine. Rhys MacLachlan, der bullige Schotte im Sturm, traf in der 51. Minute nach Vorlage von Janos Fazekas zum Ausgleich. Ein wuchtiger Schuss, Marke "Wenn du den hältst, bricht dir der Arm". Torwart Jermolai Michailow sah dem Ball nur hinterher. "Ich hab ihn kommen sehen - leider viel zu schnell", grinste der Keeper später selbstironisch. Nur wenige Minuten später bekam der Außenseiter dann einen Dämpfer: Lajos Albert sah in der 64. Minute glatt Rot, nachdem er Roberto Morais umsäbelte, als wolle er ihn an den Spielfeldrand tackeln. "Er hat den Ball gespielt", protestierte Trainer Mike Reimann, während Albert mit hochrotem Kopf in die Kabine trottete. Der vierte Offizielle kicherte - das sagt eigentlich alles. Doch statt einzubrechen, spielte Kozarmisleny plötzlich befreit auf. Der junge Tamas Fogl, 17 Jahre alt und so schmächtig, dass der Wind ihn fast umblies, rannte unermüdlich die Linie hoch und runter. Trainer Reimann lobte ihn später überschwänglich: "Er ist jung, schnell und hat keine Ahnung, dass man Angst haben könnte." Und dann kam die 80. Minute. Wieder war es Janos Fazekas, der über rechts durchbrach, den Ball flach in den Strafraum brachte - und Peter Kocsis stand goldrichtig. Mit einem trockenen Schuss ins lange Eck sorgte er für das 2:1. Kozarmisleny in Unterzahl - aber in Hochstimmung. Das Publikum in Szombathely reagierte ungläubig. Einer der Fans brüllte: "Wir haben 60 Prozent Ballbesitz - zählt das nichts?" Offenbar nicht. Die Gastgeber rannten an, Helguson prüfte den Torwart mehrfach, Nyilasi köpfte knapp vorbei, und selbst der eingewechselte Jelle Conklin schaltete sich in die Offensive ein. Doch Kozarmisleny verteidigte mit allem, was noch laufen konnte. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Bälle wir rausgeschlagen haben", lachte Reimann nach Abpfiff. "Aber die Jungs haben’s mit Herz gemacht." Auf der anderen Seite stand ein konsternierter FC-Coach, der den Medien erklärte: "Wir haben das Spiel verloren, nicht weil wir schlechter waren, sondern weil wir aufgehört haben, besser zu sein." Am Ende hatte Szombathely neun Torschüsse, Kozarmisleny vierzehn - das sagt fast alles. Die Gäste nutzten ihre Chancen, die Hausherren ihre Statistik. Roberto Morais, der Torschütze des FC, fasste es treffend zusammen: "Manchmal ist Fußball wie ein schlechter Witz. Du lachst erst - und dann merkst du, dass du die Pointe bist." Und so ging ein Abend zu Ende, der in Szombathely wohl noch lange für Gesprächsstoff sorgen wird. Kozarmisleny jubelt über drei Punkte, die keiner erwartet hatte, und Trainer Reimann über eine Mannschaft, die selbst in Unterzahl noch an Wunder glaubt. Vielleicht ist das ja das Geheimnis dieses Sports: Dass man nie wirklich weiß, wer am Ende lacht - aber immer sicher sein kann, dass es einer tut. 30.06.643987 07:00 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum