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Was für ein Abend im Stadion von Montevideo! 46.002 Zuschauer sahen am 15. Spieltag der 1. Liga Uruguay eine Mannschaft, die Fußball spielte, als wolle sie ein Gemälde malen - und eine andere, die wirkte, als hätte sie den Pinsel vergessen. Sud America gewann hochverdient mit 3:0 gegen ein blasses CD Cerrense, das über weite Strecken wie ein Statist in einem Stück wirkte, dessen Hauptrolle längst vergeben war. Schon in den ersten Minuten war klar, wohin die Reise geht. Die Hausherren setzten den Gast unter Druck, ließen den Ball laufen, als wäre er magnetisch, und schossen sich warm. Mario Alvar prüfte den Torhüter bereits in der dritten Minute, kurz darauf probierte es Silvestre Gonzalo aus spitzem Winkel - Cerrenses Keeper Joseba Mendes dürfte da schon geahnt haben, dass es ein langer Abend wird. In der 22. Minute dann das logische Resultat: Gonzalo verwertete eine butterweiche Flanke von Benjamin Boyle zum 1:0. "Ich hab nur den Fuß hingehalten. Der Ball wollte einfach rein", grinste der 20-jährige Flügelflitzer später. Drei Minuten danach wurde es endgültig ungemütlich für die Gäste. Marco Yanez zog aus der zweiten Reihe ab, nachdem Juan Ramos ihn elegant freigespielt hatte - 2:0, und auf der Cerrense-Bank griff Trainer Leahcim Gnipeur erstmals nervös zum Notizblock. "Wir wollten eigentlich kompakt stehen", erklärte Gnipeur später, "aber offenbar hatten meine Spieler eine andere Definition von Kompaktheit." In der Tat: Seine Defensive stand so tief, dass man fast befürchtete, sie würde irgendwann im Torraum versinken. Sud America hingegen spielte mit einer Leichtigkeit, die an gute Laune erinnerte. Rafael Ronaldo, der zentrale Mittelfeldmotor, kassierte zwar in der 35. Minute Gelb nach einem rustikalen Zweikampf - "Ich hab nur Hallo gesagt", witzelte er anschließend -, aber selbst das konnte den Spielfluss nicht bremsen. Zur Halbzeit wechselte Trainer Wilhelm Reich gleich dreimal: Er brachte unter anderem Nick Reinhardt, der prompt zum Publikumsliebling avancierte. "Ich hatte einfach Lust auf Fußball", sagte der 30-Jährige mit einem Zwinkern. Cerrense versuchte nach der Pause, das Spiel zu stabilisieren. Ihre Taktik blieb defensiv, aber nun wenigstens mit stärkerem Einsatz - Aggressivität "stark" nennt das Statistikblatt, das in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Ricardo Menendo zeigte das eindrucksvoll, als er in der 61. Minute Gelb sah, weil er mehr Gegner als Ball traf. Das Spiel selbst blieb einseitig. Sud America verzeichnete am Ende 14 Torschüsse, Cerrense ganze einen - und der kam ausgerechnet von Innenverteidiger Dorin Dumitrache, der in der 15. Minute offenbar kurz vergessen hatte, dass er kein Stürmer ist. Das endgültige Ausrufezeichen setzte Herold Van Keuren in der 75. Minute. Der sonst so unauffällige Innenverteidiger stieg nach einer Flanke von Reinhardt am höchsten und köpfte zum 3:0 ein. "Ich hab immer gesagt, dass ich heimlich Stürmer bin", scherzte Van Keuren danach, "aber Coach Reich hat das bisher nicht geglaubt." Im Schlussabschnitt durfte Sud America den Ball laufen lassen, während Cerrense sich redlich mühte, nicht völlig auseinanderzufallen. In der 89. Minute verletzte sich Christian Petrizzi unglücklich am Knöchel, wurde durch Domingo Andrade ersetzt - und so endete der Abend für die Gäste symptomatisch: mit einem Wechsel aus der Not heraus. Trainer Reich zeigte sich nach Schlusspfiff zufrieden, aber nicht euphorisch. "Wir haben das umgesetzt, was wir trainiert haben: Druck, Geduld und dann Tore. Mehr kann man nicht verlangen - außer vielleicht, dass Rafael weniger mit dem Schiedsrichter plaudert." Für Cerrense bleibt die Erkenntnis, dass Defensivdenken allein kein Rezept gegen Spielfreude ist. "Wir müssen das abhaken und weitermachen", murmelte Kapitän Dumitrache beim Verlassen des Rasens. Sud America hingegen verabschiedete sich unter stehenden Ovationen. 3:0, 55 Prozent Ballbesitz, ein souveräner Auftritt - und das Gefühl, dass in dieser Saison noch einiges möglich ist. Oder wie ein älterer Fan auf der Tribüne es formulierte, während er sein Bier hob: "Wenn die so weitermachen, müssen wir dem Torwart bald Eintritt zahlen, weil er sonst gar nichts zu tun hat." Ein Abend voller Spielfreude, Schmunzeln und klarer Ansagen - kurzum: Fußball, wie man ihn sehen will. 08.11.643990 02:25 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel