// Startseite
| Sportpress |
| +++ Sportzeitung für Slowakei +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende in Bratislava, an denen man sich fragt, ob der Fußballgott vielleicht gerade Urlaub macht. 20.000 Zuschauer im Stadion Raca hofften auf ein Feuerwerk, bekamen aber zunächst ein taktisches Schachspiel. FK Senec, vom stets gelassenen Bert Schnell dirigiert, ließ den Ball laufen, während Raca Bratislava zwar 53 Prozent Ballbesitz verbuchte, aber ungefähr so viel Durchschlagskraft zeigte wie ein nasser Schwamm. "Wir wollten geduldig bleiben", grinste Schnell nach dem 2:0‑Auswärtssieg seiner Mannschaft. "Geduld ist schließlich auch eine Waffe - nur nicht so laut wie ein Schuss." Sein Team brauchte dafür allerdings bis zur 63. Minute, ehe der Bann endlich brach. Da war es Alfie Finnan, der englische Rechtsaußen mit dem Sinn fürs Spektakel. Nach einem sehenswerten Zuspiel von Julian Vidigal zimmerte er den Ball aus halbrechter Position in die Maschen. Der Jubel war nicht nur laut, sondern auch erleichtert: Senec hatte bis dahin schon 15 Torschüsse abgegeben, während Gastgeber Raca mit mageren vier Versuchen vorliebnehmen musste. "Ich hab einfach mal draufgehalten", sagte Finnan später mit einem breiten Grinsen. "Wir hatten so viele Chancen, irgendwann musste einer reingehen. Und wenn nicht, hätte der Trainer mich sonst wohl laufen lassen - bis Senec wieder zu Hause ist." Doch kaum hatte Raca den Rückstand halbwegs verdaut, setzte Senec nach. Sechs Minuten später verwandelte Alexander Hlinka - der Ältere der beiden Hlinkas - eine präzise Hereingabe von Rechtsverteidiger Joel Wiltshire zum 2:0. Ein Schuss mitten ins Herz des Heimteams, das sich fortan redlich mühte, aber an der eigenen Ideenlosigkeit scheiterte. Trainer Schnell blieb an der Seitenlinie auffallend ruhig, während Racas Spieler zunehmend die Fassung verloren. Innerhalb von nur 30 Minuten sammelten sie drei Gelbe Karten - Marinelli, Miguel und Blume glänzten mehr durch rustikale Einlagen als durch kreatives Passspiel. "Wir wollten zeigen, dass wir da sind", meinte Verteidiger Miguel später trotzig. "Vielleicht waren wir ein bisschen zu sehr da." Taktisch blieb Senec über 90 Minuten seiner Linie treu: offensiv ausgerichtet, aber ohne wildes Pressing, immer auf den Moment lauernd, in dem der Gegner zu weit aufrückt. Raca dagegen spielte "balanced", wie es in den Statistikbögen heißt - was in diesem Fall bedeutete: weder Fisch noch Fleisch. Torhüter Jozef Vencel hielt, was zu halten war, und das war einiges, sonst wäre das Ergebnis deutlicher ausgefallen. "Ich habe mich gefühlt wie ein Flipperautomat", sagte er nach dem Spiel. "Von überall kam was, und ich wusste nie, ob’s reingeht oder zurückspringt." Nach dem 0:0 zur Pause hatte man im Stadion das Gefühl, dass Raca langsam Zugriff bekommt. Peter Medved prüfte Gästekeeper Carlos Antunez in der 51. Minute mit einem satten Schuss, doch der junge Torhüter aus Spanien tauchte blitzschnell ab. "Ich hab nur gedacht: bitte nicht durch die Beine", lachte Antunez später und klopfte sich stolz auf die Handschuhe. Als Senec dann durch Finnan und Hlinka zuschlug, war die Partie im Grunde entschieden. Racas Trainer - der sich nach Abpfiff wortkarg zeigte - wirkte ratlos: "Wir hatten den Ball, aber sie hatten die Tore. Manchmal ist Fußball so einfach wie gemein." Die letzten Minuten nutzte Schnell, um seinen Nachwuchs zu belohnen: Der 17‑jährige Leopold Stastny und der 18‑jährige Milan Kozacik durften noch ran. Der eine links hinten, der andere vorne - beide mit leuchtenden Augen und einer Portion Lampenfieber. Kozacik kam sogar zum Abschluss in der 86. Minute, scheiterte aber knapp. "Ich hab kurz überlegt, ob ich lieber querlege", sagte der Teenager schüchtern. "Aber dann dachte ich: Wenn schon, denn schon." Das Publikum verabschiedete die Spieler mit gemischten Gefühlen - Respekt für Senecks Effizienz, Frust über Racas Harmlosigkeit. Die Statistik sprach eine deutliche Sprache: 19 Torschüsse für die Gäste, nur 4 für die Hausherren. Und das, obwohl Raca leicht mehr Ballbesitz hatte. Am Ende stand ein 0:2, das so nüchtern aussieht wie ein Kontoauszug, aber die Lektion war klar: Ballbesitz ist nett, Tore sind besser. Oder, wie es Finnan nach dem Spiel zusammenfasste, während er sich eine Cola öffnete: "Manchmal ist Fußball wie Dart - du kannst zehnmal knapp danebenwerfen, aber am Ende zählt nur die Doppelsechs." Ein Satz, der wohl noch länger in Bratislava nachhallen wird - zumindest bis zum nächsten Spieltag. 10.04.643987 04:40 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum