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Es war einer dieser frostigen Pokalabende, an denen man sich fragt, warum man sich freiwillig in ein Stadion setzt. 16.000 Zuschauer taten es trotzdem - und sie wurden belohnt. Zumindest, wenn sie Anhänger des SV Fribourg waren. Denn nach 125 zähen, nervenaufreibenden Minuten in Genf traf Sedat Kas in der Verlängerung zum 0:1 und schickte Racing Club GE aus dem Wettbewerb. Schon das nackte Zahlenwerk sprach Bände: 23 zu 3 Torschüsse, fast 60 Prozent Ballbesitz für die Gäste. Ein Spiel auf ein Tor - nur dass dieses Tor einfach nicht fallen wollte. "Ich hatte irgendwann das Gefühl, das Ding ist verflucht", grinste Fribourg-Coach Dario Rota später, während er sich den Reif vom Mantel klopfte. "Aber Sedat hat dann den Bann gebrochen - typisch, dass er dafür 125 Minuten braucht." Der besagte Sedat Kas war über die gesamte Partie hinweg ein ständiger Unruheherd. Schon in der vierten Minute prügelte er den Ball knapp über den Querbalken, später in der 30. und 32. Minute gleich doppelt daneben - immer wieder gefährlich, immer wieder knapp vorbei. Sein Gegenspieler, der 18-jährige Mathias Wild, hatte alle Hände voll zu tun - und kassierte in Minute 22 prompt Gelb, als er Kas mit einem rustikalen Rempler an der Seitenlinie stoppte. Racing Club GE, von Trainer Truthan Trainer (ja, das ist wirklich sein Name) offensiv ausgerichtet, tat, was es konnte - aber gegen Fribourgs ballsichere Mittelfeldachse um Aksel Norgaard und Caio Santos sahen die jungen Genfer meist alt aus. "Wir haben den Ball gehabt, aber irgendwie nicht gewusst, was wir damit anfangen sollen", gab GE-Mittelfeldmann Frank Michaud ehrlich zu. Seine beste Szene kam in der 78. Minute, als er aus 20 Metern abzog - der Ball zischte knapp am rechten Pfosten vorbei. Es war einer von nur drei Schüssen aufs Tor. Und so kippte das Spiel immer mehr in Richtung der Gäste, die sich im Stil einer Mannschaft präsentierten, die notfalls auch 300 Minuten spielen würde, bis endlich ein Tor fällt. Santos flankte, Leclair schoss, Chevallier dribbelte - und GE-Keeper Olivier Benoist flog und hechtete, als ginge es um sein Leben. "Der Junge hat uns fast den Abend verdorben", knurrte Fribourgs Innenverteidiger Philippe Gady nach dem Spiel, "aber am Ende hat Gerechtigkeit gesiegt." In der Verlängerung wurde es dann richtig wild. Erst humpelte GE-Stürmer Andrew Sinclair nach einem Zusammenprall vom Platz (112. Minute), dann sah Fribourgs Rechtsverteidiger Samuel Bolsius nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot (123.). "Ich wollte nur den Ball spielen", beteuerte Bolsius später mit einem unschuldigen Blick, der selbst seine Mutter nicht überzeugt hätte. Doch selbst in Unterzahl blieb Fribourg das klar bessere Team. Und dann kam jene 125. Minute, die man in Fribourg wohl noch lange feiern wird: Caio Santos zog von links nach innen, legte quer - und Sedat Kas schlug eiskalt zu. Flach, präzise, unhaltbar. 0:1. Jubel, Schneegestöber, Ekstase. "Ich hab einfach gedacht: Jetzt oder nie", erklärte der 20-jährige Matchwinner später mit einem schelmischen Grinsen. "Und diesmal war’s dann eben ’jetzt’." Racing-Trainer Truthan Trainer hingegen stand nach dem Abpfiff wie versteinert an der Seitenlinie. "Wir haben alles gegeben, aber wenn du nur drei Schüsse aufs Tor bringst, dann wird’s halt eng", sagte er, während er in Richtung Kabine stapfte. Ein Reporter fragte ihn noch, ob er an Elfmeterschießen gedacht habe. "Nein", kam die trockene Antwort, "dafür hätten wir ja mal aufs Tor schießen müssen." Fribourg zieht also in die nächste Pokalrunde ein - nicht schön, aber hochverdient. Racing Club GE verabschiedet sich tapfer, aber chancenlos. Die Fans der Gastgeber klatschten ihre Jungs trotzdem ab, wohl wissend, dass man gegen diese Übermacht kaum mehr hätte ausrichten können. "Wir sind jung, wir lernen", meinte der 18-jährige Rechtsverteidiger Thomas Eckert, der kurz vor Schluss eingewechselt wurde. "Aber das war heute wie gegen eine Wand. Eine Wand mit französischem Akzent." Und so verschwand der SV Fribourg in der eisigen Genfer Nacht als glücklicher Sieger, während Racing Club GE mit hängenden Köpfen und kalten Füßen zurückblieb. Pokal eben - manchmal braucht’s 125 Minuten, bis der Fußball endlich das bekommt, was er verdient: ein Tor, ein Drama und eine Geschichte, die man seinen Enkeln erzählen kann. 26.05.643987 16:32 |
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Der kann noch 100 Jahre spielen, der wird uns nie überholen.
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