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Es war ein Abend, an dem der FC Schötz alles traf, was sich bewegte - und manchmal sogar, was sich nicht bewegte. 59.130 Zuschauer sahen am Mittwochabend im "Stadion an der Wigger" ein 6:1 der besonders schillernden Sorte gegen Blau-Weiss Luzern. Drei Tore in den ersten 43 Minuten, vier von Mario Chalana insgesamt - das war kein Fußballspiel, das war eine Demonstration. Schon nach drei Minuten schien Luzern in Schötz angekommen zu sein - allerdings nur, um gleich wieder den Ball aus dem eigenen Netz zu fischen. Chalana, dieser 31-jährige Dribbler mit dem unverschämten Selbstvertrauen eines Straßenkickers, nahm einen langen Ball von Abwehrchef Olivier Mohr mit der Brust an, ließ einen Verteidiger aussteigen und zimmerte das Leder unter die Latte. 1:0. Trainer Roland Kunz grinste später: "Ich wollte eigentlich, dass sie ruhig anfangen. Aber Mario hat mich mal wieder überhört." Zehn Minuten später dasselbe Spiel: Mohr chippt, Chalana lupft, 2:0. Die Blau-Weissen wirkten zu diesem Zeitpunkt wie Touristen, die versehentlich auf einem Profi-Spielfeld gelandet waren. Reinhard Wild, der Luzerner Coach, brüllte sich die Stimmbänder wund, seine Defensive aber blieb stumm. In der 33. Minute dann ein kleiner Hoffnungsschimmer für Luzern: Robert Locklear traf nach schöner Vorarbeit des 17-jährigen Henri Diarra zum 2:1. Es war der Moment, in dem man kurz glaubte, das Spiel könne noch kippen. Doch Schötz antwortete wie ein beleidigter Gastgeber, der das Buffet wieder abräumt: Chalana machte in der 43. Minute das 3:1 - diesmal nach Vorlage von Lorenzo Piccolo. "Das war kein Tor, das war ein Gedicht", schwärmte ein Fan auf der Tribüne, während ein anderer trocken meinte: "Gedicht? Eher ein Schlagzeugsolo." Zur Pause war klar: Blau-Weiss Luzern würde hier eher einen Sonnenbrand als Punkte mitnehmen. 61 Prozent Ballbesitz für Schötz, 16 Torschüsse insgesamt, und das Pressing? Nicht nötig. Schötz spielte, als hätten sie einen Magneten im Ball. Nach dem Seitenwechsel änderte sich - nichts. Chalana krönte sich in der 59. Minute mit seinem vierten Treffer. "Ich wollte eigentlich querlegen", grinste er anschließend, "aber dann dachte ich: Ach, warum nicht?" Vorlagegeber diesmal: Luka Beer, der später in der Nachspielzeit noch die Gelbe Karte sah, weil er beim Jubeln zu enthusiastisch winkte. Und weil das Publikum noch nicht genug gesehen hatte, kam die Schlussphase als Sahnehäubchen daher: Der junge Bruno Prudhomme traf in der 76. Minute zum 5:1, assistiert von - richtig geraten - Luka Beer. Nur eine Minute später war Mohr wieder im Rampenlicht, diesmal auf der anderen Seite: Der Innenverteidiger köpfte nach Flanke von Prudhomme das 6:1. Der Jubel war ohrenbetäubend, die Luzerner Abwehr dagegen - schweigend. Trainer Kunz fasste es nach Abpfiff mit trockenem Humor zusammen: "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben. Sie haben’s etwas zu wörtlich genommen." Sein Gegenüber Wild wirkte derweil wie ein Mann, der gerade seine Lieblingspflanze ertränkt hat: "Wir wollten offensiv spielen", erklärte er, "aber irgendwie war der Ball immer beim Gegner." Statistisch war das Ganze so eindeutig wie ein Mathematikbuch: 61 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse zu fünf, Zweikampfquote 55 zu 45 Prozent. Selbst die Ersatzbank von Schötz sah zeitweise gefährlicher aus als die Luzerner Offensive. Als der Schiedsrichter nach 92 Minuten endlich Schluss machte, lag über dem Stadion eine Mischung aus Begeisterung und Mitleid. Chalana wurde von den Fans gefeiert wie ein Rockstar - inklusive improvisiertem Sprechchor. Mohr, der Verteidiger mit den zwei Torvorlagen und einem eigenen Treffer, wirkte überrascht: "Ich wollte eigentlich nur hinten sauber bleiben. Dass ich vorne was reiße, war nicht Teil des Plans." Roland Kunz verabschiedete seine Mannschaft schließlich mit einem Schulterklopfen und dem Satz: "Wenn das so weitergeht, muss ich bald Eintritt zahlen." Für Blau-Weiss Luzern bleibt die Erkenntnis, dass Offensivgeist allein keine Abwehr ersetzt - und dass man gegen Schötz besser nicht zu früh den Kopf hängen lässt, sonst fliegt der Ball drüber. Ein Spiel, das in den Geschichtsbüchern der 1. Liga Schweiz einen Ehrenplatz bekommen dürfte - zumindest im Kapitel "Lehrstunden in Effizienz". Und irgendwo in Luzern wird heute Nacht ein Trainer leise seufzen: "Hätten wir doch einfach mal defensiv gespielt." 25.06.643993 19:57 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002