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Wangen - 49.398 Zuschauer sahen an diesem kühlen Januarabend im Wanger Stadion ein Fußballspiel, das den alten Satz "Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten" einmal mehr bestätigte - und zwar in seiner ganzen Ironie. Denn der FC 1903 Wangen hatte fast alles: den Ball, die Ideen, die Chancen. Nur das, was auf der Anzeigetafel zählt, fehlte - Tore. Am Ende siegte der SC Papenburg mit 2:1 (1:0) und nahm drei Punkte mit, die auf dem Papier deutlicher wirken, als sie auf dem Rasen verdient waren. Bereits nach sechs Minuten zeigte Papenburg, dass man auch mit wenig Ballbesitz glänzen kann. Pierre Forsythe, der in der Mitte tänzelte wie ein Dirigent, schickte Harald Geiger in den Strafraum. Der rechte Mittelfeldspieler traf mit einem trockenen Abschluss - 0:1. Während die Wanger Fans noch nach einem frühen Bier griffen, sah Trainer Ready Play auf der Bank aus, als wollte er sofort selbst auflaufen, um Ordnung reinzubringen. "Das war ein Geschenk. Und wir sind keine Wohltätigkeitsorganisation", grummelte er später. Danach nahm das Heimteam das Heft in die Hand - oder besser gesagt, den Ball. 56 Prozent Ballbesitz, 17 Torschüsse, aber meist dorthin, wo Torwart Jay Neil schon auf sie wartete. Edward Donahue versuchte es in der zweiten, fünften, vierzigsten, ja fast jeder denkbaren Minute - immer mit dem gleichen Resultat: Applaus, aber kein Torjubel. "Ich schwöre, das Tor war verflucht", scherzte Donahue nach Abpfiff. Kurz vor der Pause schien Papenburgs Defensive kurz zu wanken, doch Fricke und Dalnoki warfen sich in alles, was aus Wangens Mittelfeld kam. Dalnoki sah in der 23. Minute Gelb, was seiner rustikalen Spielweise allerdings kaum Abbruch tat. "Ich wollte den Ball, aber der Ball wollte mich nicht", grinste er später. Nach dem Seitenwechsel reagierte Ready Play: Drei Wechsel zur 46. Minute - frische Beine, neue Hoffnung. Und siehe da: Nur drei Minuten später platzte der Knoten. Samuel Almond steckte clever durch auf den aufgerückten Linksverteidiger Domingo Barreda, der den Ball humorlos unter die Latte jagte. 1:1. Das Stadion tobte, und Wangen roch plötzlich an der Wende. Doch wie so oft an diesem Abend: Wer vorne trifft, gewinnt hinten - und das war eben Papenburg. In der 76. Minute war es ausgerechnet der bereits verwarnte Dalnoki, der nach einem Freistoß von Florea am schnellsten schaltete und den Ball aus kurzer Distanz über die Linie drückte. 1:2. Danach wurde die Partie hitziger, Barreda revanchierte sich drei Minuten später mit einer Gelben Karte - Symbol für Wut, Frust und den nahenden Punktverlust. Taktisch blieb das Spiel ein Lehrstück: Wangen mit defensiver Grundordnung, aber viel Initiative, Papenburg mit offensiver Ausrichtung und starkem Konterspiel. "Wir wussten, dass sie mehr Ballbesitz haben würden. Also haben wir ihnen den Ball einfach gegeben", sagte Papenburg-Coach Frank Helmbrecht mit einem breiten Grinsen. Eine Philosophie, die an diesem Abend funktionierte. In den letzten Minuten drückte Wangen mit allem, was Beine hatte. Andre Schwab prüfte Neil gleich mehrfach (57., 64., 73.), Donahue köpfte aus fünf Metern in die Arme des Keepers, und selbst Linksverteidiger Santos zog aus der Distanz ab, als wolle er den Ball in die Nachbarschaft schicken. "Wir haben alles versucht", seufzte Kapitän Almond, "aber Fußball ist manchmal wie eine schlechte Beziehung - du gibst alles, bekommst aber nichts zurück." Statistisch liest sich das Ganze wie ein Paradoxon: 56,6 Prozent Ballbesitz für die Gastgeber, 17:6 Torschüsse, bessere Zweikampfquote (54 Prozent) - und trotzdem null Punkte. Papenburg dagegen: Zwei Chancen, zwei Tore, zwei glückliche Gesichter im Bus nach Hause. Trainer Ready Play nahm es mit Galgenhumor: "Wenn man so spielt und verliert, kann man nur hoffen, dass Fortuna nächste Woche wieder nüchtern ist." Sein Gegenüber Helmbrecht konterte: "Wir haben gewonnen, also war’s Taktik - nicht Glück." Am Ende blieb den Fans des FC 1903 Wangen nur die Erkenntnis, dass Schönheit im Fußball selten belohnt wird. Oder, um es mit einem älteren Herrn auf der Tribüne zu sagen, der sich beim Abpfiff erhob und in die kalte Nacht rief: "Die Statistik kannste behalten - die Punkte nehm’n die anderen!" Und so zog Papenburg mit einem Lächeln von dannen, während Wangen in der Kabine wohl noch lange überlegte, wie man mit 17 Torschüssen nur ein Tor erzielen kann. Vielleicht hilft da nur Training. Oder Exorzismus. 15.08.643987 11:19 |
Sprücheklopfer
Das ist eine Deprimierung.
Andreas Möller