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Ein Freitagabend im Januar, Flutlicht über der Swissporarena, 47.437 Zuschauer zwischen Glühweinbecher und kalten Fingern - und am Ende ein Spiel, das man so schnell nicht vergisst. Blau-Weiss Luzern schlägt den SC Carouge mit 3:2 (2:2) und liefert eine Achterbahnfahrt, die irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Es begann, wie es an solchen Abenden eben beginnen muss: mit einem Torschussfestival der Gastgeber. Schon nach vier Minuten prüfte Robert Locklear den gegnerischen Keeper Tomas Kratochvil, kurz darauf folgten Bosworth, Giuliani und natürlich der Mann des Abends, Roger Römer. Letzterer durfte sich in der 19. Minute erstmals feiern lassen - nach mustergültiger Vorarbeit von Diego Giuliani traf der 22-Jährige flach ins linke Eck. 1:0, die Arena tobte, Trainer Reinhard Wild reckte die Faust. "Da haben wir endlich mal unsere Flügel genutzt, wie im Training - nur ohne die Pylonen", grinste er später. Doch Carouge antwortete prompt - und doppelt. Erst traf der junge Leonti Tregubow (21) nach feinem Zuspiel von Riley Donahue in der 24. Minute zum Ausgleich. Keine 60 Sekunden später legte Philippe Turcotte nach, nach einem wuchtigen Kopfball - ausgerechnet nach einem Pass von Innenverteidiger Jean Lefebvre. Aus 1:0 wurde 1:2, und plötzlich war’s mucksmäuschenstill im Stadion. "Wir haben kurz vergessen, dass man auch nach einem Tor weiter verteidigen sollte", kommentierte Luzerns Kapitän Jean-Pierre Carey mit trockenem Humor. Doch noch vor der Pause fing sich Blau-Weiss wieder. Robert Mantovani, der bullige Mittelstürmer, sorgte in der 41. Minute für das 2:2. Carey, eben noch der sarkastische Kapitän, diesmal als Vorbereiter - und Mantovani wuchtete den Ball unter die Latte. "Ich hatte kurz Angst, dass der Ball den Weg ins All findet, aber diesmal blieb er brav unten", lachte Mantovani nach dem Spiel. Nach dem Seitenwechsel wurde es ruppiger - und chaotischer. Pierre Gramont, Luzerns rechter Verteidiger, hatte schon Gelb gesehen, als er in der 58. Minute mit einem ungestümen Tackling in die Geschichtsbücher des Abends einging: Gelb-Rot, ab in die Kabine. "Er wollte den Ball treffen, hat aber offenbar vergessen, dass der Gegner auch Beine hat", meinte Trainer Wild mit einem Seufzen. "Ab da war’s mehr Herzblut als Taktik." In Unterzahl stemmte sich Luzern gegen die zunehmend drückenden Gäste. Carouge, leicht überlegen im Ballbesitz (51,7 Prozent), schob die Kugel geduldig durch die Reihen. Doch die ganz großen Chancen blieben Mangelware - auch, weil Torwart Lasse Rauch einen Sahnetag erwischt hatte. Zweimal rettete er spektakulär gegen Turcotte und den eingewechselten Joseph Bourgeois. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass mich der Ball trifft", flachste Rauch nach dem Spiel. Trainer Häusler von Carouge sah es etwas anders: "Wir hatten die Kontrolle, aber Fußball ist kein Schönheitswettbewerb. Am Ende zählt, wer trifft - und das war wieder mal nicht wir." Seine Mannschaft hatte acht Torschüsse, Luzern deren fünfzehn - und genau dieser Unterschied wurde in der Nachspielzeit entscheidend. 90. Minute: Roger Römer, erneut. Der Youngster setzte sich nach einem langen Ball von Robert Locklear durch, dribbelte zwei Verteidiger schwindelig und schob eiskalt ein. 3:2! Ein Tor, das man in Luzern noch lange besprechen wird - vermutlich sogar noch im Bus auf der Heimfahrt, obwohl keiner dort sitzt. "Ich hab einfach nicht nachgedacht", erklärte Römer. "Vielleicht war genau das der Trick." Als der Schlusspfiff ertönte, sank Trainer Wild kurz auf die Knie - mehr aus Erleichterung als aus Andacht. Die 47.000 im Stadion jubelten, als hätte Luzern gerade die Meisterschaft gewonnen. Und ein bisschen fühlte es sich auch so an. Carouge verließ das Feld mit hängenden Köpfen, aber erhobenem Selbstbewusstsein. Zwei Auswärtstore, eine kämpferische Leistung und ein Spiel, das sie fast gedreht hätten. "Das war kein verlorenes Spiel, das war eine verpasste Gelegenheit", meinte Häusler. Da konnte man ihm kaum widersprechen. Am Ende stand ein 3:2, das so wild war wie der Name des Luzerner Trainers. Fünf Tore, ein Platzverweis, 23 Torschüsse und jede Menge Drama - Fußball, wie er sein soll: unberechenbar, emotional und mit leichtem Hang zum Chaos. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Ich wollte eigentlich nur was Warmes trinken - jetzt hab ich Herzklopfen." 19.09.643987 04:47 |
Sprücheklopfer
Herzlichen Glückwunsch an Marco Kurz. Seine Frau ist zum zweiten Mal Vater geworden.
Thomas Häßler