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Es gibt Abende, da läuft einfach alles. Und es gibt Abende wie diesen für den SV St. Gallen. 12 091 Zuschauer im Stade de Genève sahen am 17. Spieltag der 3. Liga Schweiz (1. Div) eine Mannschaft, die Fußball spielte, als wäre sie vom Rhythmus der Sterne erleuchtet - und eine, die offenbar vergessen hatte, dass Tore zum Spiel gehören. Das Endergebnis: 3:0 für Racing Club GE, und ehrlich gesagt, es hätte schlimmer kommen können. Schon nach acht Minuten war die Messe fast gelesen. Phillip Fouquet, der 18-jährige Mittelstürmer mit mehr Mut als Bartwuchs, stieß nach einem feinen Zuspiel von Frank Michaud in die Lücke und vollendete eiskalt. "Ich hab einfach draufgehalten - manchmal hilft jugendlicher Leichtsinn", grinste der Youngster später in die Mikrofone. Trainer Truthan Trainer - ja, so heißt er wirklich - kommentierte trocken: "Wir haben den Jungs gesagt: Wenn ihr schon offensiv spielt, dann bitte richtig." Und richtig war es. Sechs Minuten später schraubte Patryk Wasilewski, der 27-jährige Routinierteste unter den Teenagern, das Resultat auf 2:0. Nach einer herrlichen Flanke von Rechtsverteidiger Ivica Dordevic drosch er den Ball mit der Wucht eines verspäteten Feierabendbusses unter die Latte. Die Fans tobten, St. Gallens Keeper Ernst Boyer suchte Trost in der Wasserflasche. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte er später - vermutlich mehr zu sich selbst als zu den Reportern. St. Gallen, das nominell offensiv antrat, fand kaum statt. Ganze **ein** Torschuss auf das Tor der Genfer in 90 Minuten - und der kam in der 83. Minute von Francois Martin, der mit einem Verzweiflungsversuch aus 25 Metern wenigstens für eine Erwähnung in diesem Artikel sorgte. Ballbesitz? 51 Prozent für die Ostschweizer. Aber wer Ballbesitz für eine Trophäe hält, bekommt hier den Trostpreis: 0 Tore, 0 Punkte, 0 Spaß. Racing dagegen feuerte, als gäbe es eine Prämie pro Schuss. 19 Abschlüsse, davon viele aus dem Bilderbuch des Jugendfußballs. Fouquet, Wild, Reinhardt - die 18-Jährigen kombinierten mit jugendlicher Unbekümmertheit, während die erfahrenen Gäste eher an einen Betriebsausflug mit müden Beinen erinnerten. "Wir wollten sie laufen lassen", erklärte Michaud verschmitzt, "und irgendwann sind sie auch wirklich nur noch gelaufen - leider in die falsche Richtung." Die zweite Halbzeit verlief wie eine ausgedehnte Trainingseinheit mit Publikum. Racing Club GE blieb offensiv, aber fast schon verspielt. Fouquet versuchte es mehrfach, doch das Netz wollte nicht mehr zappeln. Stattdessen sah Paul Reinhardt kurz vor Schluss Gelb, nachdem er bei einem Zweikampf eher an Rugby als an Fußball erinnert hatte. "Ich hab nur den Ball gesehen", rechtfertigte er sich lachend - ein Satz, der in den Ohren des Gegners vermutlich wie Hohn klang. In der 85. Minute setzte Cesar Capone dann den Deckel drauf. Wieder war es Michaud, der mit feinem Auge das Zuspiel lieferte, und Capone verwandelte aus spitzem Winkel - 3:0, Vorhang zu. Die Fans tanzten auf den Rängen, und Trainer Truthan Trainer nickte zufrieden. "Wir haben heute gesehen, was passiert, wenn Spielfreude auf Disziplin trifft", sagte er, bevor er mit einem Augenzwinkern hinzufügte: "Und was passiert, wenn sie beim Gegner nur Kaffee trifft." Von St. Gallen kam nach Schlusspfiff wenig Selbstkritik. Kapitän Knut Lange, sonst ein Mann klarer Worte, wirkte ratlos: "Wir hatten den Ball, aber keine Idee. Vielleicht hätten wir ihn einfach mal Racing geben sollen - die wussten wenigstens, was man damit macht." Statistisch betrachtet war das Spiel ein Paradoxon: fast ausgeglichener Ballbesitz, aber ein Schussverhältnis von 19:1 zugunsten der Gastgeber. Eine Tackling-Quote von 58 Prozent für Racing, was bedeutet, dass sie ihren Gegner nicht nur ausspielten, sondern auch regelmäßig den Ball zurückholten, wenn sie ihn mal verloren. Als Schiedsrichter Jürg Moser nach 90 Minuten abpfiff, war der Jubel laut, aber fast schon erleichtert - als hätten die Zuschauer genug Fußball für eine Woche gesehen. Die Spieler von Racing klatschten sich ab, Fouquet posierte für Selfies, und Patryk Wasilewski zeigte lässig auf die Anzeigetafel, als wollte er sagen: "So sieht’s aus, Freunde." Und so sieht’s tatsächlich aus: Racing Club GE stürmt weiter nach oben, während St. Gallen sich mit der unbequemen Frage beschäftigen muss, ob man mit 50 Prozent Ballbesitz, aber null Durchschlagskraft, überhaupt noch von Offensive reden darf. Vielleicht hilft ein Blick auf das gegnerische Rezept: jung, mutig, frech - und ein Hauch von Größenwahn. Oder wie Trainer Truthan Trainer es abschließend formulierte: "Manchmal ist Fußball ganz einfach. Du musst nur den Ball ins Tor schießen. Dreimal reicht ja auch." 02.08.643987 12:59 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund