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An einem frostigen Januarabend in Genf verwandelte sich das kleine Stadion des Racing Club GE in ein Tollhaus. 11.982 Zuschauer sahen, wie ihre Mannschaft den favorisierten FC La Chaux-de-Fonds mit 2:0 (0:0) bezwang - ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber eine ganze Geschichte erzählt. Schon in den ersten Minuten war klar, dass Racing hier nicht nur zum Mitspielen angetreten war. Trainer Truthan Trainer hatte seine Elf offensiv eingestellt, und das merkte man. Bereits nach sechs Minuten prüfte Cesar Capone den gegnerischen Torwart mit einem Distanzschuss. "Ich dachte, der Ball fliegt über die Autobahn", grinste Capone später, "aber er blieb immerhin im Stadion." Besonders auffällig: der 27-jährige Stürmer Patryk Wasilewski, der in der ersten Halbzeit praktisch ein Dauerabo auf Torschüsse hatte. Fünfmal tauchte er gefährlich vor dem Kasten auf, ohne zu treffen. "Ich hätte wohl noch heute Nacht weitergeschossen, wenn der Schiri nicht abgepfiffen hätte", meinte er kopfschüttelnd - halb belustigt, halb erleichtert, dass am Ende andere trafen. La Chaux-de-Fonds hingegen wirkte kontrolliert, aber ideenlos. Zwar hatten die Gäste mit 51 Prozent leicht mehr Ballbesitz, doch ihre fünf Torschüsse blieben harmlose Versuche. Wenn sie einmal gefährlich wurden, dann über Sakis Gounaris, der zweimal aus der zweiten Reihe abzog. Racing-Keeper Olivier Benoist, gerade einmal 18 Jahre alt, parierte souverän und bekam danach Schulterklopfen von allen Seiten. Die Pause kam beim Stand von 0:0 - und mit gemischten Gefühlen. Die Fans von Racing diskutierten in der Halbzeit über Wasilewskis Schusspech ("Der Ball hat Angst vor dem Tor") und die Gelbe Karte für den rustikalen Innenverteidiger Kian Kinmont, der in Minute zwei schon ein Zeichen gesetzt hatte. Dann die 51. Minute: Wie aus dem Nichts platzte der Knoten. Capone flankte butterweich von rechts, und der 18-jährige Paul Reinhardt drosch den Ball per Direktabnahme ins Netz. Ein Tor, das man so früh im Leben wahrscheinlich nie wieder vergisst. "Ich hab gar nicht nachgedacht", sagte Reinhardt nach dem Spiel. "Wenn ich nachdenke, schieße ich daneben." Trainer Truthan Trainer nickte zufrieden: "Jugend forscht - und trifft." La Chaux-de-Fonds versuchte zu reagieren, doch ihre Angriffe wirkten wie aus Versehen. Ein Schuss von Vincent Fortin in der 72. Minute ging so weit drüber, dass ein Balljunge kurz darauf verschwand, um ihn aus dem Park zu holen. Trainer der Gäste, sichtlich genervt, rief: "Spielt einfach Fußball!" - doch seine Spieler schienen das Wort "einfach" zu ernst zu nehmen. In der 80. Minute griff Truthan Trainer in die Trickkiste. Drei junge Spieler kamen, unter ihnen Frank Michaud, 18 Jahre alt, zentraler Mittelfeldspieler mit der Unverfrorenheit eines Straßenkickers. Sieben Minuten später zeigte er, warum der Coach ihn brachte: Capone, wieder einmal der Vorlagengeber, legte quer, Michaud zog ab - 2:0. Der Jubel war ohrenbetäubend. "Ich hab das Tor schon in der Kabine gesehen - im Kopf", behauptete Michaud mit einem Grinsen, das selbst den Schiedsrichter milde stimmte. Capone dagegen scherzte: "Zwei Assists und kein Tor - ich bin quasi der uneigennützige Messi der dritten Liga." La Chaux-de-Fonds beendete das Spiel dann auch noch mit einem Platzverweis. In der 96. Minute sah Robert Lenz glatt Rot - ein überharter Einsatz, der mehr nach Frust als nach Fairness roch. Racing-Fans verabschiedeten ihn mit höflichem Applaus - und einem ironischen "Merci, Robert!". Statistisch gesehen war das Spiel fast ausgeglichen, aber die Zahlen lügen selten: 16 Torschüsse für Racing, fünf für die Gäste, dazu mehr gewonnene Zweikämpfe und der Mut, nach vorne zu spielen. Trainer Truthan Trainer fasste es nach dem Abpfiff gewohnt trocken zusammen: "Wir waren nicht besser im Ballbesitz, aber besser mit dem Ball." Und während er das sagte, tanzten die jungen Spieler auf dem Rasen - als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. La Chaux-de-Fonds hingegen verschwand wortlos in den Katakomben. Ihr Trainer murmelte etwas von "fehlender Durchschlagskraft" und "unglücklichem Spielverlauf". Doch wer 90 Minuten lang auf Sicherheit spielt, darf sich über ein sicheres 0:2 nicht wundern. Das Publikum ging zufrieden nach Hause, manche summten schon von "Europa, wir kommen". Etwas verfrüht vielleicht - aber an diesem Abend durfte man in Genf träumen. Schlusswort? Racing Club GE hat gezeigt, dass Jugend keine Ausrede, sondern ein Versprechen ist. Und wenn sie weiter so spielen, wird man bald öfter sagen: Diese Jungs haben mehr Feuer als so mancher Profi - und weniger Angst vor dem Ball. 09.12.643987 04:48 |
Sprücheklopfer
Die Situation ist aussichtslos, aber nicht kritisch.
Stefan Effenberg