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Es gibt Fußballabende, an denen Statistiken zu Lügnern werden. 56,7 Prozent Ballbesitz, zehn Torschüsse, zwei Gelbe und eine Gelb-Rote - all das half dem SC Tuggen am frostigen Dienstagabend im heimischen Stadion nichts. Am Ende stand ein 1:3 auf der Anzeigetafel, und 5000 Zuschauer kratzten sich verwundert am Kopf. "Wir hatten den Ball, aber sie hatten die Tore", murmelte Tuggens Kapitän Fynn Pernet nach dem Schlusspfiff, als er mit hängenden Schultern in den Kabinengang trottete. Dabei sah es in der ersten Halbzeit gar nicht so schlecht aus für die Gastgeber. Racing Club GE, jung, frech und mit einer Startelf, die im Schnitt kaum 20 Jahre alt war, legte los wie eine Schülerauswahl auf Energydrink. In der 31. Minute war es Phillip Fouquet, gerade einmal 18 Jahre alt, der nach feiner Vorarbeit von Paul Reinhardt eiskalt ins linke Eck vollendete - 0:1. Tuggen antwortete mit Wut im Bauch. Der erfahrene Lucas Macleod stellte in der 43. Minute nach schöner Flanke von Hermann Gariepy den Ausgleich her. Ein Treffer, der das Stadion kurzzeitig in eine Mischung aus Hoffnung und Glühweinrausch versetzte. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Spiel", sagte Macleod später. "Leider kippte es - aber in die falsche Richtung." Denn nach der Pause wurde Racing gefährlich effizient. Zwar musste der junge Frank Michaud nach nur 53 Minuten verletzt raus, doch sein Ersatz Dieter Hartung brachte frischen Wind ins Mittelfeld. Fünf Minuten später erzielte Mathias Wild das 1:2 - natürlich auf Vorlage von Fouquet, der an diesem Abend mehr Übersicht bewies als mancher Navigationscomputer. "Ich hab einfach gesehen, dass Mathias läuft", grinste der blutjunge Stürmer, "und dann hab ich gedacht: Warum nicht?" Warum nicht - das dachte sich wohl auch Georges Sander, Tuggens Innenverteidiger, als er in der 47. Minute seine erste Gelbe Karte kassierte. 24 Minuten später folgte die zweite, und der Schiedsrichter zeigte ihm konsequent Gelb-Rot. "Ich habe nur laut geatmet", rechtfertigte sich Sander hinterher mit einem schiefen Lächeln. Ohne ihn war Tuggen in Unterzahl - und Racing nutzte die Räume gnadenlos. Trainer Truthan Trainer (ja, so heißt er wirklich) wirkte an der Seitenlinie wie ein Dirigent, der seine Teenager-Orchestertruppe zum nächsten Crescendo führte. In der 88. Minute zirkelte Cesar Capone, 24 und an diesem Abend unermüdlich, den Ball nach Vorarbeit des eingewechselten Johann Benz zum 1:3 ins Netz. Das war nicht nur der Schlusspunkt, sondern auch das Symbol für das Spiel: jung, direkt, abgeklärt. Tuggen versuchte es bis zum Schluss, Fynn Pernet prüfte den gegnerischen Keeper in der 89. Minute noch einmal aus der Distanz, doch der Ball landete in den sicheren Händen des 18-jährigen Olivier Benoist. Der hob danach den Daumen zu seinen Vorderleuten - als wäre ein 3:1-Auswärtssieg in der 3. Liga Schweiz das Normalste der Welt. "Wir haben weniger Ballbesitz, aber mehr Herz gehabt", bilanzierte Racing-Coach Trainer, während er sich demonstrativ die Mütze richtete. "Und manchmal reicht das. Außerdem: Wer braucht schon 60 Prozent Ballbesitz, wenn 43 Prozent zum Sieg reichen?" Tuggen-Trainer - dessen Name an diesem Abend lieber ungenannt bleibt, um Folgeschäden zu vermeiden - wirkte dagegen ratlos. "Wir haben eigentlich alles kontrolliert", sagte er und schaute in die Ferne. "Nur das Ergebnis nicht." Auf den Rängen applaudierten die Fans der Gäste, während die Heimfans sich fragten, ob Ballbesitz künftig auch Punkte bringt. Die Antwort ist bekannt: tut er nicht. Ein kleiner Trost blieb dennoch: Die Tuggener spielten phasenweise gefällig, Macleod zeigte, dass er auch mit 32 noch den Torriecher hat, und Torwart Stefan Belanger verhinderte Schlimmeres. Aber gegen die jugendliche Unbekümmertheit der Genfer war an diesem Abend kein Kraut gewachsen. Vielleicht ist das die Moral der Geschichte: Fußball bleibt ein Spiel der Effizienz, nicht der Statistik. Oder, wie Fouquet es formulierte, als er mit einem breiten Grinsen den Mannschaftsbus bestieg: "Wenn wir so weiterspielen, brauchen wir bald einen größeren Bus - für all die Punkte." Und Tuggen? Sie werden nächste Woche wieder antreten. Mit 56 Prozent Ballbesitz. Und der Hoffnung, dass diesmal auch das Ergebnis dazugehört. 13.04.643990 16:52 |
Sprücheklopfer
Der Vorteil von Trainern wie Branko Zebec und Ernst Happel war ihre kuriose Sprache. Die Spieler mussten sich stark konzentrieren, um zu verstehen, was sie meinten. Deshalb kam ihre Botschaft so gut rüber.
Felix Magath