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Es war ein kalter Januarabend in Genf, aber die 11.374 Zuschauer im Stadion des Racing Club GE hatten schnell vergessen, dass sie eigentlich lieber Glühwein als Fußball bestellt hätten. Denn was ihnen die junge Truppe von Trainer Truthan Trainer beim 1:0 gegen den FC Willisau bot, war zwar kein Offensivfeuerwerk - aber ein Musterbeispiel an jugendlichem Übermut, gepaart mit erstaunlicher taktischer Disziplin. Das Tor des Abends fiel in der 26. Minute, und es war ausgerechnet ein Innenverteidiger, der den Unterschied machte: Kian Kinmont, 24 Jahre jung, sonst eher fürs Aufräumen zuständig, schlich sich nach einem Eckball an den langen Pfosten und drückte den Ball nach Vorlage von Paul Reinhardt über die Linie. Willisau-Keeper Florian Arnold streckte sich, reckte sich, aber am Ende blieb nur das resignierte Schütteln des Kopfes. "Ich hab’ den Ball kurz gesehen - und dann war er schon im Netz", seufzte Arnold nach der Partie, während Kinmont mit einem Grinsen erklärte: "Ich wollte eigentlich nur den Ball festmachen - dass er dann reingeht, war... na ja, Absicht natürlich." Racing dominierte über weite Strecken das Geschehen, auch wenn das Ballbesitzverhältnis (49 zu 51 Prozent aus Sicht der Gastgeber) etwas anderes vermuten lässt. Der Unterschied lag in der Entschlossenheit: 18 Torschüsse feuerten die Genfer ab, während Willisau mit einem einzigen Versuch auf das Tor von Olivier Benoist praktisch unsichtbar blieb. Der eine Schuss von Laurent Duchesne in der 27. Minute war so harmlos, dass Benoist später lachend meinte: "Ich hab’ kurz überlegt, ob ich den fangen oder adoptieren soll." Willisau wirkte an diesem Abend, als sei das Pressing im Mannschaftsbus geblieben. Keine Spur von Angriffslust oder Biss - stattdessen zwei frühe Gelbe Karten (Leandro Pinto in der 7. und Peter Kunze in der 15. Minute) und viel Ratlosigkeit. Trainer Truthan Trainer kommentierte das mit gewohntem Sarkasmus: "Wenn du siehst, dass die anderen mehr mit dem Schiedsrichter reden als mit dem Ball, weißt du, du bist auf einem guten Weg." Racings Offensivtrio Wild, Fouquet und Wasilewski rannte sich derweil die Seele aus dem Leib. Besonders Mathias Wild, 18, prüfte den Willisauer Torwart gleich mehrfach - in den Minuten 2, 10, 16, 24, 30, 66, 67 und 84. Acht Torschüsse, kein Treffer, aber ein unermüdlicher Motor. "Ich hab’ mir geschworen, irgendwann triffst du", sagte Wild nach Spielende. "Vielleicht nächste Woche. Oder in der nächsten Liga." Truthan Trainer lobte ihn trotzdem: "Der Junge hat Energie wie ein Espresso auf zwei Beinen." In der zweiten Halbzeit verwaltete Racing geschickt den knappen Vorsprung. Das Wort "defensiv" kam dabei allerdings nicht vor - zu verlockend war die Aussicht, das 2:0 zu machen. Doch entweder stand Willisau-Torhüter Arnold im Weg oder der Ball suchte sich kreative Wege, das Tor zu vermeiden. Dieter Hartung kassierte in der 53. Minute noch Gelb, Phillip Fouquet folgte mit einer übermotivierten Grätsche in der 78. Minute. "Wir wollten zeigen, dass wir auch kämpfen können", grinste Fouquet entschuldigend. Die Schlussphase verlief dann so, wie sie in Genf wohl jeder kannte: Racing spielte, Willisau hoffte, der Schiedsrichter pfiff. Nach 90 Minuten war der Jubel groß, denn mit dem 1:0 sicherte sich Racing nicht nur drei Punkte, sondern auch moralische Genugtuung - gegen einen Gegner, der kaum stattfand. FC-Willisau-Trainer (der sich nach Abpfiff in eisiges Schweigen hüllte) ließ später über den Pressesprecher ausrichten: "Wir haben zu spät ins Spiel gefunden." Ein Satz, der so wahr wie überflüssig war - denn Willisau fand eigentlich überhaupt nicht hinein. Ein letztes Bonmot lieferte der Torschütze selbst, als er auf seinen Treffer angesprochen wurde: "Ich bin Verteidiger", sagte Kinmont trocken. "Mein Job ist, Tore zu verhindern. Heute hab’ ich halt eins verhindert, indem ich’s selbst gemacht hab’." Und so endete ein Spiel, das keine Glanzpunkte, aber viele Geschichten bot. Racing Club GE hat gezeigt, dass man auch mit jugendlicher Unbekümmertheit und einer Prise Selbstironie Spiele gewinnen kann. Willisau dagegen dürfte auf der Heimfahrt viel Zeit gehabt haben, um über die Definition von "Torschuss" nachzudenken. Fazit: Ein verdienter 1:0-Sieg für Racing Club GE - und ein Abend, an dem ein Innenverteidiger zum Helden wurde. Oder, wie Trainer Truthan Trainer es zusammenfasste: "Manchmal reicht ein Tor. Hauptsache, es ist unseres." 16.11.643987 04:05 |
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