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Wer am Mittwochabend im Stade de Genève auf ein gemütliches Winterspiel in der 3. Liga Schweiz gehofft hatte, wurde eines Besseren belehrt. 10.970 Zuschauer sahen, wie Racing Club GE mit jugendlichem Elan und 23 Torschüssen den Gast aus Losone phasenweise schwindlig spielte - und sich am Ende mit einem verdienten 2:0 belohnte. Dabei brauchte es Geduld. Die erste Halbzeit glich einer Trainingsübung in Geduld und Chancenverwertung - oder besser: in deren Abwesenheit. Racing drückte, kombinierte, flankte, aber Losone Sportiva verteidigte mit einer stoischen Ruhe, die irgendwo zwischen Zen-Mönch und Betonmauer lag. "Ich dachte irgendwann, wir könnten bis Mitternacht weiter spielen und der Ball würde immer noch nicht rein", grinste Trainer Truthan Trainer nach dem Spiel. Schon in der zweiten Minute prüfte der 18-jährige Frank Michaud den Keeper Hans Bosse mit einem strammen Schuss - Auftakt einer Ein-Mann-Beschussübung, die sich über 90 Minuten fortsetzen sollte. Phillip Fouquet, Mathias Wild, Andrew Sinclair - sie alle versuchten ihr Glück. Bosse parierte, der Pfosten half, und manchmal fehlten schlicht ein paar Zentimeter und Nerven. Losone dagegen wirkte offensiv wie ein Auto ohne Zündschlüssel. Ein einziger Torschuss in der 73. Minute durch Knut Thiel - und auch der war mehr höfliche Anmeldung als echte Drohung. "Na ja, wenigstens haben wir das Tor getroffen", sagte Thiel mit einem müden Lächeln, als er nach dem Spiel zu seinem Trikot griff. Dann kam die 53. Minute - und endlich brach das Eis. Wieder war es Michaud, der sich im Strafraum durchtankte, diesmal nach feinem Zuspiel von Cesar Capone. Der junge Mittelfeldmann zog ab, der Ball zischte durch die Beine eines Verteidigers, und Bosse streckte sich vergeblich. 1:0, Erlösung, Jubelorkan. Trainer Truthan Trainer riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Frank ist 18, spielt aber mit der Ruhe eines 30-Jährigen. Nur beim Haare schneiden ist er ungeduldig", witzelte der Coach später. Kaum hatte sich Losone neu sortiert, stand es schon 2:0. Nur eine Minute nach dem Führungstor flankte Innenverteidiger Fernando Nani butterweich in den Strafraum, wo Mathias Wild - ebenfalls zarte 18 - eiskalt vollendete. Es war das klassische Beispiel für jugendlichen Übermut: keine Angst, kein Zögern, einfach drauf. "Ich hab gar nicht gesehen, dass der Ball drin war", gab Wild lachend zu. "Ich hab nur die Fans schreien gehört und dachte, irgendwas Gutes muss passiert sein." Dass Racing danach noch zu zehnt weiterspielen musste, sorgte für eine kleine Schrecksekunde. Verteidiger Lars Ulrich hatte in der 6. Minute bereits Gelb gesehen und verabschiedete sich in der 66. mit Gelb-Rot - ausgerechnet, als die Partie endlich im Griff schien. "Ich wollte nur zeigen, dass ich Einsatz bringe", verteidigte sich der 26-Jährige mit einem fast schuldbewussten Grinsen. Doch Racing ließ sich vom Platzverweis nicht beirren. Im Gegenteil: Mit einem Mann weniger zeigten sie eine beeindruckende Reife, hielten Ball und Gegner in Schach und erspielten sich weiterhin Chancen. Sinclair und Fouquet hätten das Ergebnis sogar noch höher schrauben können, doch Bosse im Losone-Tor wehrte ab, was zu halten war - und manchmal auch, was eigentlich nicht zu halten war. Die Statistik spricht Bände: 51,8 Prozent Ballbesitz für Racing, 23 Schüsse aufs Tor, dazu eine Zweikampfquote von 59 Prozent. Losone dagegen brachte es auf gerade einmal einen einzigen Schuss - der allerdings, man muss es fast lobend erwähnen, wenigstens auf den Kasten ging. In der 85. Minute gönnte sich Trainer Truthan Trainer noch einen kuriosen Wechsel: Torwart Olivier Benoist, 18 Jahre jung, durfte für Stammkeeper Taci Recber ran. "Er soll auch mal Gras unter den Stollen spüren", erklärte der Coach, "und ehrlich gesagt, viel zu tun hatte Taci heute nicht." Nach dem Schlusspfiff war die Stimmung entsprechend ausgelassen. Die jungen Wilden von Racing umarmten sich, hüpften über den Rasen, während die Gäste aus Losone ratlos in den Nachthimmel blickten. "Manchmal ist Fußball einfach ungerecht", murmelte Losone-Kapitän Henri Behrens, "aber heute war’s einfach verdient." So endete ein Abend, der weniger an 3.-Liga-Fußball als an einen Jungbrunnen erinnerte. Racing Club GE zeigte, dass Mut, Tempo und jugendlicher Leichtsinn durchaus eine explosive Mischung ergeben können. Vielleicht, so scherzte ein Fan beim Verlassen des Stadions, "haben die Jungs einfach vergessen, dass sie in der 3. Liga spielen." Und wer weiß - wenn sie so weiterspielen, erinnern sie uns bald daran, dass auch im Unterhaus manchmal ganz große Geschichten geschrieben werden. 18.06.643987 15:20 |
Sprücheklopfer
Der kann noch 100 Jahre spielen, der wird uns nie überholen.
Uli Hoeneß über Christoph Daum