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Wenn 15.049 Zuschauer an einem frostigen Februarabend ins Stadion von Racing Club GE pilgern, dann erwarten sie Leidenschaft, Kampf und ein bisschen Chaos - und genau das bekamen sie beim 2:1-Sieg ihres Teams gegen den FC Münsingen am 6. Spieltag der 3. Liga Schweiz. Racing-Coach Truthan Trainer hatte seine Mannschaft offensiv eingestellt, während Münsingen eher auf kontrolliertes Aufbauen setzte. Doch schon nach zehn Minuten zeigte sich, dass Kontrolle im Fußball ein dehnbarer Begriff ist: Ivica Dordevic, Rechtsverteidiger mit Vorwärtsdrang, flankte aus dem Halbfeld, Andrew Sinclair nahm den Ball mit der Brust an und drosch ihn ohne Umschweife ins Netz. "Ich hab gar nicht nachgedacht", grinste Sinclair später. "Vielleicht war das der Schlüssel - sonst wäre der Ball wahrscheinlich auf dem Parkplatz gelandet." Das frühe 1:0 gab den Gastgebern Auftrieb, auch wenn Münsingen mehr vom Spiel hatte. 56 Prozent Ballbesitz, 13 Schüsse aufs Tor - aber wenig Zählbares. Patrick Noll prüfte Racing-Keeper Taci Recber bereits in der 6. Minute und später noch einmal in der 26. Minute, doch der Keeper parierte wie ein Mann, der seinen Job liebt (oder der schlicht keine Lust auf eine kalte Dusche nach einem Gegentor hatte). Bis zur Pause blieb es beim 1:0, und während Truthan Trainer in der Kabine angeblich eine Mischung aus Motivationsrede und Improvisations-Comedy lieferte ("Jungs, bitte keine Herzinfarkte mehr in der Abwehr, das ist kein Gesundheitskurs!"), muss Münsingen-Trainer - dessen Name die Statistik uns verschweigt - wohl eher leise geflucht haben. Nach Wiederanpfiff kam Münsingen wie verwandelt aus der Kabine. Nur zwei Minuten waren gespielt, da kombinierten sich Louis Boutin und der junge Maurice Walther über rechts in den Strafraum. Walther blieb eiskalt und schob den Ball ins lange Eck - 1:1 (47.). Es war der verdiente Lohn für Münsingens unermüdlichen Drang nach vorne. "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können, nicht nur laufen", sagte Walther nach dem Spiel mit jugendlichem Übermut. Doch Racing Club GE hatte an diesem Abend das Quäntchen Glück - und die nötige Effizienz. Während Münsingen Chance um Chance vergab, nutzte das Heimteam seine wenigen Momente eiskalt. In der 73. Minute war es Rune Halvorsen, der nach einem Eckball von Kian Kinmont goldrichtig stand und den Ball per Kopf über die Linie drückte. 2:1, und das Publikum explodierte. "Ich hab einfach gehofft, dass mich keiner umrennt", meinte Halvorsen lachend. "Dann hab ich den Ball gesehen und gedacht: Warum eigentlich nicht?" Münsingen versuchte in der Schlussphase alles, blieb aber glücklos. Georg Blanchard hatte gleich drei gute Gelegenheiten (56., 71., 82. Minute), doch entweder fehlte die Präzision oder Recber war zur Stelle. Racing wechselte in der 80. Minute gleich dreifach: Fouquet kam für Bíro, Eckert ersetzte Dordevic, Reinhardt übernahm für Benz - eine Maßnahme, die eher nach Zeitspiel als nach taktischem Feinschliff roch. Am Ende stand ein 2:1, das Racing Club GE in der Tabelle ein Stück nach oben bringt, während der FC Münsingen sich fragt, wie man ein Spiel mit mehr Ballbesitz, mehr Schüssen und weniger Glück verlieren kann. Trainer Truthan Trainer zeigte sich nach Abpfiff zufrieden, wenn auch mit gewohnt ironischem Unterton: "Wir haben das gemacht, was wir mussten - getroffen. Der Rest war, sagen wir mal, künstlerische Freiheit." Auf der anderen Seite klang Münsingens Kapitän Slawa Krawtschuk deutlich frustrierter: "Wir spielen gut, wir haben Chancen - aber am Ende gewinnt der, der das Netz trifft. Heute waren das eben die anderen." Statistisch gesehen war das Spiel ein Lehrstück in Effizienz: 11 Torschüsse für Racing, 13 für Münsingen, aber zwei der Gastgeber fanden den Weg ins Tor. Auch die Zweikampfquote von 50,1 zu 49,9 Prozent zeigt - es war ein Spiel auf Augenhöhe, entschieden durch Kleinigkeiten und ein bisschen Spielglück. Und so verabschiedeten sich die Fans in die kalte Genfer Nacht - zufrieden, euphorisch und leicht heiser. Einer fasste es auf der Tribüne treffend zusammen: "Schön war’s nicht, aber schön gewonnen!" Am Ende bleibt die Erkenntnis: Fußball ist kein Schönheitswettbewerb. Und manchmal reicht ein Sinclair, ein Halvorsen - und eine gehörige Portion Pragmatismus, um einen Abend unvergesslich zu machen. 17.08.643990 18:30 |
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Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.
Berti Vogts