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Wenn man ein Herz für Dramen hat, dann war der Samstagabend in Genf genau der richtige Ort. 15.445 Zuschauer im Stade de la Praille sahen ein 4:3-Spektakel zwischen Racing Club GE und dem FC Versoix, das alles bot, was ein Fußballspiel der 3. Liga Schweiz bieten kann - Tore im Minutentakt, gelbe Karten, Nachwuchstalente mit Nerven aus Stahl und Verteidiger, die plötzlich Stürmer spielen wollten. Racing-Trainer Truthan Trainer (ja, der heißt wirklich so) hatte sein Team gewohnt offensiv eingestellt. "Wir wollten von Anfang an draufgehen", sagte er hinterher, "auch wenn der Ballbesitz uns meist nur kurz gehört - wir wissen schon, was wir damit anfangen sollen." Tatsächlich hatte der FC Versoix 58 Prozent Ballbesitz, aber Racing machte die Tore. Bereits in der 11. Minute traf Patryk Wasilewski, der polnisch-schweizerische Wirbelwind auf links, zum 1:0. Ein Schuss aus spitzem Winkel, bei dem Versoix-Keeper Arne Rausch eher wie ein Denkmal wirkte. Acht Minuten später legte der 18-jährige Mathias Wild nach - nach Flanke von Innenverteidiger Lars Ulrich, der offenbar beschlossen hatte, kurzzeitig Rock’n’Roll auf den Rasen zu bringen. "Ich hab gesehen, dass Mathias startete, also hab ich die Gitarre beiseitegelegt und den Ball einfach geschlagen", grinste Ulrich nach Spielende. Versoix war geschockt, fing sich aber. Dominique Celine, 34 Jahre alt und immer noch mit der Eleganz eines französischen Chansonniers unterwegs, verkürzte kurz vor der Pause auf 1:2. Sein Linksschuss nach Vorlage von Luke MacDonnell war so präzise, dass man fast vergessen konnte, dass Racing bis dahin eigentlich alles unter Kontrolle hatte - zumindest auf der Anzeigetafel. Nach dem Seitenwechsel startete Versoix furios. Matthias Keller, gerade mal 19, traf in der 55. Minute zum Ausgleich, wieder nach Zuspiel von MacDonnell. "Ich dachte, ich hau einfach mal drauf, und dann war er drin", sagte Keller später schüchtern, als hätte er versehentlich ein Glas umgestoßen statt ein Tor erzielt. Doch die Freude der Gäste währte kurz. Mit jugendlicher Frechheit schlenzte Mathias Wild in der 72. Minute den Ball zum 3:2 ins Netz - diesmal nach feinem Pass von Linksverteidiger Matthew Staunton. Trainer Trainer rief ihm von der Seitenlinie zu: "So spielt man mit 18, wenn man keine Angst kennt!" Der Jubel war kaum verklungen, da antwortete FC-Versoix-Verteidiger Daniel Frey in der 74. Minute mit einem wuchtigen Kopfball nach Freistoß von Johann Besserer - 3:3! "Da dachte ich, jetzt kippt das", gab Racing-Stürmer Robert Kinmont später zu. Doch Kinmont sollte noch seinen großen Moment haben. In der 90. Minute, als die meisten schon an den Abpfiff dachten, drosch er den Ball nach schöner Vorarbeit des eingewechselten Youngsters Robert Featherstone ins linke Eck. 4:3. Stadionekstase. "Ich hab nur Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", sagte Kinmont. Trainer Trainer grinste: "Taktisch war das natürlich genau so geplant." Versoix versuchte in der Nachspielzeit noch einmal alles, doch der Racing-Keeper Olivier Benoist, 18 Jahre jung, hielt mit stoischer Ruhe. Die Gäste bekamen zwar noch eine Gelbe - Daniel Frey in der 89. Minute -, doch es half nichts mehr. Die Statistik sah Versoix vorne: zehn Torschüsse, mehr Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote. Doch Fußball wird bekanntlich nicht auf Excel-Tabellen gespielt. Racing Club GE zeigte, dass Effizienz manchmal schöner ist als Kontrolle. Nach Abpfiff standen die Spieler beider Teams erschöpft auf dem Rasen. Dominique Celine, der älteste auf dem Platz, klopfte Mathias Wild, dem jüngsten, freundschaftlich auf die Schulter. "Genieß das, Junge", sagte er. Und Wild nickte, als hätte er gerade verstanden, warum Fußball Generationen verbindet. "Wir haben wieder einmal vergessen, dass Verteidigen dazugehört", murmelte Versoix-Trainer (dessen Name in den Unterlagen mysteriöserweise fehlte) kopfschüttelnd. "Aber wenn man sieben Tore sieht, kann man ja nicht zu schlecht gelaunt sein." So endete ein Abend, der mehr Drama bot als manche Netflix-Serie: sieben Tore, zwei Gelbe Karten, drei Einwechslungen auf einmal in der 85. Minute - und ein Publikum, das noch Minuten nach dem Schlusspfiff tanzte. Racing Club GE bleibt damit in der Tabelle auf Kurs und beweist, dass Offensivfußball auch in der 3. Liga Schweiz Spaß machen darf. Und wenn Truthan Trainer weiter so mutig aufstellt, könnte man bald von "Truthans Taktik" sprechen - einer Mischung aus Chaos, Charme und Chuzpe. Oder, wie Patryk Wasilewski es trocken zusammenfasste: "Wir wollten einfach mehr Tore schießen als die anderen. Hat geklappt." 01.01.643988 15:50 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn