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Es war ein kalter Februarabend in Genf, doch die 13.680 Zuschauer im kleinen Stadion des Racing Club GE hatten schnell vergessen, dass ihre Finger taub waren. Dafür sorgte ein Spiel, das gleich mehrere Kapitel zwischen Drama, Slapstick und jugendlichem Heldenmut schrieb - und am Ende mit einem gerechten, wenn auch kurios zustande gekommenen 1:1 endete. Trainer Truthan Trainer - ja, der Mann heißt wirklich so - hatte sein Team offensiv eingestellt, und Racing legte los, als gäbe es kein Morgen. Schon in den ersten 20 Minuten knallte Robert Kinmont gleich dreimal auf das Tor von Franck Reichert, dem Torhüter von Servette. Doch der Mann im violetten Dress war auf Betriebstemperatur und fischte alles heraus, was auf ihn zuflog. Auf der Tribüne seufzte ein älterer Herr: "Wenn der Kinmont noch einen Schuss mehr abgibt, muss Reichert Eintritt zahlen." Doch dann, in der 34. Minute, passierte der erste Bruch im Spiel von Racing. Thierry Haupt, bis dahin quirliger Rechtsaußen, ging nach einem Sprintduell zu Boden - Oberschenkel zu, Spiel vorbei. Für ihn kam ein junger, schmaler Bursche namens Mathias Wild. 18 Jahre alt, kaum Bartwuchs, aber offenbar mit ordentlich Mut im Gepäck. Zwei Minuten später zeigte Servette, wie Effizienz aussieht: Pascal Billet zog auf links an, flankte butterweich in die Mitte, und Jakob Hahn - ebenfalls erst 20 - köpfte den Ball in der 36. Minute ins Netz. 0:1, aus dem Nichts. "Ich hab’ einfach gehofft, dass der Ball mich findet", grinste Hahn später. "Und er hat’s getan. Vielleicht sollte ich Lotto spielen." Zur Pause führte Servette, obwohl Racing 10:3 Torschüsse verbuchen konnte. Doch dann kam die 46. Minute, und mit ihr das, was man in Genf wohl als "kollektives Kopfschütteln" bezeichnen darf: Alexandre Jean-Pierre, der erfahrene Innenverteidiger der Gäste, rauschte in Kinmont hinein, als würde er ein Möbelstück umräumen. Der Schiedsrichter zückte ohne Zögern Rot - und Servette war nur noch zu zehnt. "Das war keine böse Absicht", beteuerte Jean-Pierre später mit unschuldigem Blick. "Ich wollte nur den Ball treffen. Leider hatte Kinmont denselben Plan." Der Platzverweis veränderte alles. Racing roch Blut, und kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, schlug der Teenager Wild zu. In der 49. Minute stand er nach einer flachen Hereingabe von Linksverteidiger Matthew Staunton goldrichtig und schob eiskalt zum 1:1 ein. Das Stadion explodierte. "Ich hab gar nicht gesehen, dass der Ball drin ist", stammelte Wild nach Abpfiff. "Ich dachte erst, der Pfosten hat ihn rausgehauen." Danach drängte Racing auf den Sieg. Die Statistik spricht Bände: 15 Torschüsse zu 5, 51 Prozent Ballbesitz, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Doch das Tor wollte nicht mehr fallen. Servette verteidigte mit allem, was Beine hatte - und manchmal auch mit dem, was keine mehr hatte. Jannis Strauss sah in der 75. Minute Gelb, Jean-Pierre Celine in der 88. ebenfalls. Servette-Trainer hätte wohl gern noch ein paar Gelbe mehr akzeptiert, Hauptsache, der Punkt blieb. In der 85. Minute wechselte Trainer Truthan sogar seinen Torhüter - selten genug bei einem 1:1. Der junge Olivier Benoist durfte für Taci Recber ran. "Ich wollte ihm einfach ein Gefühl für Drucksituationen geben", erklärte Trainer Truthan trocken. "Und ehrlich gesagt hatte Recber kalte Hände." In der Nachspielzeit kam Servette noch einmal vors Tor: Jean-Pierre Celine zog in der 96. Minute ab, doch der Ball landete sicher in den Armen des eingewechselten Benoist. Wenig später war Schluss. Nach dem Spiel zog der Racing-Coach ein gemischtes Fazit: "Wir hätten das Ding gewinnen müssen. Aber ich bin stolz auf den Jungen Wild - der Name passte heute perfekt." Sein Gegenüber von Servette, dessen Name in den Unterlagen seltsamerweise nicht auftauchte, grinste nur: "Wenn man 45 Minuten mit zehn Mann spielt, fühlt sich ein Punkt an wie ein Sieg. Und ich hoffe, Jean-Pierre spendiert nächste Woche das Abendessen." So endete ein Spiel, das anfangs nach einem Routine-Auswärtssieg aussah und dann zum Heldenstück eines 18-Jährigen wurde. Racing Club GE bleibt damit im Mittelfeld der 3. Liga Schweiz, Servette nimmt einen Punkt mit - und vermutlich eine etwas größere Wäscheladung, so sehr mussten sie rennen. Zum Schluss blieb den Fans nur, den Abend mit einem Lächeln zu verlassen. Ein junger Zuschauer sagte beim Hinausgehen: "Wenn Wild so weiterspielt, heißt der Klub bald Racing Club MW." Vielleicht übertrieben - aber an diesem Abend war der Junge tatsächlich die Wild Card des Spiels. 02.04.643990 03:35 |
Sprücheklopfer
Das nächste Spiel ist immer das nächste.
Matthias Sammer