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Genf, 12. Januar 2026 - Es war kein Fußballfest, aber ein Lehrstück in Sachen Nervenstärke. Racing Club GE rang den SV Höngg am 12. Spieltag der 3. Liga Schweiz (1. Div) mit 1:0 nieder - ein Ergebnis, das nüchtern aussieht, aber auf dem Rasen eine kleine Odyssee war. Schon vor dem Anpfiff spürte man, dass in diesem kalten Genfer Abend mehr Spannung als Spielfreude liegen würde. 12 817 Zuschauer im Stade de la Jonction fröstelten nicht nur wegen der Temperaturen, sondern auch wegen der ersten Aktion: Nach gerade einmal einer Minute sah Innenverteidiger Kian Kinmont Gelb. "Ich wollte nur zeigen, dass wir da sind", grinste er später - eine Botschaft, die der Schiedsrichter offenbar sofort verstanden hatte. Doch Racing ließ sich davon nicht beirren. In der 15. Minute zirkelte der quirlige Linksaußen Johann Benz den Ball nach schöner Vorarbeit von Fernando Nani in die Maschen - 1:0. Der Jubel war laut, aber auch ein bisschen ungläubig: So früh? So sauber? Benz selbst wirkte fast überrascht. "Ich hab’ einfach draufgehalten, weil Dieter [Hartung] geschrien hat, dass ich’s endlich mal versuchen soll", erzählte er lachend im Kabinengang. "Manchmal hilft’s, wenn man nicht nachdenkt." Was danach folgte, war ein Spiel zwischen Angriffslust und Verzweiflung. Racing schoss aus allen Lagen - ganze 20 Torschüsse zählte die Statistik -, doch das zweite Tor wollte einfach nicht fallen. Auf der anderen Seite versuchte Höngg, mit 54 Prozent Ballbesitz Ordnung ins Chaos zu bringen. "Wir hatten den Ball, aber Racing hatte den Willen", sagte Gästecoach Müller (der Name des Trainers blieb diskret, aber seine Ratlosigkeit war sichtbar). Höngg kombinierte gefällig, doch meist nur bis zur Strafraumgrenze. Hugo Ferreira prüfte in der 13. Minute erstmals Keeper Taci Recber, der jedoch sicher zupackte. In der 35. Minute rauschte ein Schuss von Guy Baker knapp am Pfosten vorbei - die Bank der Zürcher sprang schon halb auf, um zu jubeln. Stattdessen rief jemand spöttisch aus dem Heimblock: "Das Tor steht links, Jungs!" Nach der Pause blieb das Spiel wild, aber fahrig. Thierry Haupt, der rechte Flügelstürmer von Racing, schoss so oft auf das Tor, dass mancher Zuschauer witzelte, er müsse eine Wette laufen haben. Zwischen der 48. und 55. Minute allein vier Abschlüsse - keiner drin. "Ich habe den Ball einfach geliebt heute", sagte Haupt später trocken. In der 60. Minute wechselte Trainer Truthan Trainer (ja, so heißt er wirklich) den jungen Thomas Eckert für Ivica Dordevic ein - ein Schachzug, der sich auszahlte, weil Eckert mit jugendlichem Elan die rechte Seite dichtmachte. Das wurde später wichtig, denn in der 78. Minute flog Kian Kinmont mit Gelb-Rot vom Platz, nach einem taktischen Foul, das man auch als "Verzweiflungstat mit Stil" bezeichnen könnte. "Ich hab’ ihn ja kaum berührt", rief Kinmont noch, während er das Feld verließ - worauf sein Bruder Robert, der Mittelstürmer, nur die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Fortan verteidigte Racing mit Herz, Schweiß und gelegentlich mit elf Mann hinter dem Ball - minus einer, versteht sich. Höngg drückte, kam aber selten gefährlich durch. In der 87. Minute prüfte Humberto Agirre den eingewechselten jungen Keeper Olivier Benoist, der in der 85. Minute für Recber gekommen war. Benoist lenkte den Ball mit einer Hand über die Latte - vielleicht die Parade seines noch jungen Lebens. Als der Schiedsrichter nach 96 Minuten abpfiff, brach Jubel aus, der mehr nach Erleichterung als nach Ekstase klang. Trainer Truthan Trainer fasste es zielsicher zusammen: "Schön war’s nicht, aber schön schwer." Und Johann Benz, der Torschütze des Abends, ergänzte mit einem Grinsen: "Wenn wir so weiter spielen, kriegt der Trainer bald graue Haare - aber wenigstens Punkte." SV Höngg hingegen musste mit leeren Händen heimreisen. Abwehrspieler Carlos Santos kassierte in der 90. Minute noch Gelb, sinnbildlich für einen Abend voller Frust. "Wir hatten mehr Ball, mehr Struktur, aber weniger Tore", seufzte er. Am Ende bleibt ein Spiel, das keiner so schnell vergisst: Racing Club GE mit 45 Prozent Ballbesitz, aber 100 Prozent Kampfgeist. Und irgendwo in den Kabinen der Genfer hat Trainer Truthan Trainer vermutlich noch einmal betont, was er schon vor dem Spiel sagte: "Schön spielen können andere - wir gewinnen lieber." Ein nüchterner Satz, der nach diesem Abend fast philosophisch klingt. 26.05.643987 16:32 |
Sprücheklopfer
Der kann noch 100 Jahre spielen, der wird uns nie überholen.
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