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Wer 21 Torschüsse abfeuert und trotzdem mit einem mageren 0:0 vom Platz trottet, hat zwei Möglichkeiten: entweder war der Torwart des Gegners ein Oktopus - oder das eigene Zielwasser wurde vor Anpfiff durch Kamillentee ersetzt. Im Falle von Ayax Amsterdam gegen die Veendam Angels dürfte beides ein bisschen zutreffen. Vor 32.317 Zuschauern in der Johan-Cruyff-Arena (15. Spieltag der 1. Liga Niederlande) inszenierte sich Ayax als Dauerdrücker - und scheiterte 90 Minuten lang an der eigenen Ungeduld und einem überragenden Gerrit Sleeper im Tor der Gäste. Der Name ist Programm: Der Keeper "schlief" alles, was da auf ihn zuflog, sicher ein. Schon in der 1. Minute zischte der erste Ball von Lauritz Keese gefährlich über die Latte. "Ich wollte gleich zeigen, wer hier Chef im Strafraum ist", grinste der 24-Jährige später, "aber offenbar wollte der Ball lieber noch ein paar Runden drehen, bevor er reingeht." Es blieb symptomatisch für den Abend. Daniel Willoughby, der bullige Mittelstürmer, prüfte Keeper Sleeper mehrfach (3., 6., 19., 69.), während Keese und Nicolaas Haswell von den Flügeln unermüdlich feuerten. Insgesamt 21 Mal zählten die Statistiker einen Schuss auf das Tor - so viel wie in manch anderem Spiel nicht mal beide Mannschaften zusammen. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte Veendam-Coach Horst Zachary trocken, "wir haben einfach gehofft, dass die Latte standhält." Die Angels selbst? Nun, sie flogen selten aus ihrem defensiven Himmel herab. Ganze zwei Schüsse auf das Tor - einer durch Pieter Tenbrook in der 40. Minute, einer durch Agemar Tiago in der 76. - mehr war nicht drin. "Das war kein Fußball, das war Bergsteigen ohne Seil", seufzte Tenbrook, "wir hingen 90 Minuten am Strafraum fest." Taktisch blieb alles wie im Lehrbuch: Ayax unter Trainer Jochen Eichhorst offensiv, mit sicherem Passspiel und viel Ballbesitz (59,3%), während Veendam sich tief einigelte, auf Konter lauerte und ansonsten betete. Umso erstaunlicher, dass die Null hinten stand - trotz einer roten Karte für Elmo Vrooman, der nach einer Gelben (50.) in der 80. Minute übermotiviert in den Abendhimmel flog. "Der Schiedsrichter meinte, das sei zu viel Einsatz", sagte Vrooman später mit unschuldigem Augenaufschlag, "ich nenne das Leidenschaft." Ab der 80. Minute war’s dann endgültig Einbahnstraßenfußball. Ayax kombinierte, flankte, feuerte - und scheiterte. Besonders bitter: In der 85. Minute zirkelte Noach Hacker den Ball an den rechten Pfosten, und der Abpraller sprang, wie in Zeitlupe, genau in die Arme von Sleeper. Der grinste, als hätte er das so geplant. "Ja, klar", witzelte er nach dem Spiel, "ich hab den Ball angezogen. Magnetisch." Als ob das nicht genug Ärger für die Angels gewesen wäre, musste Agemar Tiago kurz vor Schluss verletzt raus (88.). Sein Trainer Zachary reagierte mit der Einwechslung von Claudios Van Tessel - womit wenigstens das Wechselkontingent sinnvoll genutzt war. "Agemar meinte, er habe sich beim Zusehen verkrampft", flachste Zachary später. Ayax-Coach Eichhorst hingegen rang um Fassung. "Wir haben alles richtig gemacht - außer treffen. Ich überlege, ob ich das Tor fürs nächste Training breiter malen lasse." Man nahm es ihm ab: Wer 59 Prozent Ballbesitz, 21 Abschlüsse und 90 Minuten Dominanz auf der Habenseite hat, darf auch mal verzweifeln. In den Katakomben hörte man später Lauritz Keese zu Daniel Willoughby sagen: "Wenn’s beim nächsten Mal wieder so läuft, schießen wir halt von der Mittellinie. Vielleicht überrascht das den Ball." Willoughby nickte ernst: "Oder wir fragen den Sleeper, ob er mal Urlaub macht." Das Publikum verabschiedete die Mannschaften mit höflichem Applaus - eine Mischung aus Anerkennung und Mitleid. Denn wer so viel Aufwand betreibt und so wenig Ertrag einfährt, verdient zumindest Trost. Fazit: Ein 0:0, das in Wahrheit alles hatte - Dramatik, Torschüsse, eine rote Karte und einen Torwart, der zum Albtraum wurde. Nur eben keine Tore. Fußball kann grausam sein - aber wenigstens war er an diesem Abend unterhaltsam. Und während Gerrit Sleeper nach dem Spiel mit einem breiten Grinsen in die Kabine schlenderte, hörte man Ayax-Coach Eichhorst murmeln: "Wenn’s Punkte fürs Schießen gäbe, wären wir Tabellenführer." Ein Satz, der nachklingt - und vielleicht als Motto für dieses Spiel taugt. 30.06.643987 07:00 |
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Ich laufe in einer Stunde so viel wie andere Arbeitnehmer in acht.
Mario Basler