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Es war ein Abend, an dem CD Cerrense sich fragte, ob der Fußballgott vielleicht gerade Urlaub macht. 34.863 Zuschauer im Estadio Cerrense sahen am 16. Spieltag der 1. Liga Uruguay ein 0:4-Debakel gegen Nacional - und das, obwohl die Gastgeber laut Statistik sogar leicht mehr Ballbesitz hatten (52 Prozent). Doch was nützt das schönste Kreisen in der eigenen Hälfte, wenn die Gäste aus Montevideo in jedem Angriff die Klingen schärfen? Schon früh zeichnete sich ab, dass Nacional mit dem Offensivplan von Trainer Karl Rausch nichts anbrennen lassen wollte. "Wir wollten Cerrense gar nicht erst glauben lassen, sie hätten eine Chance", grinste Rausch nach dem Spiel und tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn. Seine Spieler verstanden die Botschaft: In der 29. Minute eröffnete Armandos Ardizoglou den Torreigen - nach einem butterweichen Pass von Ricardo Derlei, der die Abwehr der Gastgeber so alt aussehen ließ wie ein VHS-Video auf einem 4K-Fernseher. Nur sechs Minuten später war Paulo Chalana zur Stelle. Der flinke Linksaußen traf nach einem Doppelpass mit Dror Shum zum 0:2 (35.). Cerrenses Keeper Thierry Benveniste flog zwar in die richtige Ecke, aber der Ball lachte nur kurz und zappelte trotzdem im Netz. Und als Ardizoglou in der 42. Minute noch einmal zuschlug - diesmal nach Vorlage von Noe Chalana - war der Halbzeitstand von 0:3 eine Art Gnadenfrist. "In der Kabine war es still. Nur der Ventilator hat geredet", verriet Cerrense-Trainer Leahcim Gnipeur später. Seine Mannschaft hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Schüsse aufs Tor zustande gebracht, während Nacional bereits 13 verbuchte. "Wir hatten eigentlich defensiv geplant", erklärte Gnipeur, "aber irgendwie war’s dann doch mehr meditativ als defensiv." In der zweiten Halbzeit versuchte Cerrense aufzuwachen. Der 17-jährige Stürmer Rafael Alvaro rannte, kämpfte, stolperte - und schoss in der 47. Minute immerhin einmal gefährlich aufs Tor. Nacional reagierte darauf mit einem müden Schulterzucken und einem weiteren Angriff nach Lehrbuch. In der 71. Minute setzte Joaquin de Torre den Schlusspunkt: 0:4. Da war längst klar, dass die Gäste an diesem Abend eine andere Liga spielten - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Chalana-Brüder (Paulo und Noe) wirbelten durch Cerrenses Mittelfeld, als hätten sie dort eine Dauerkarte für freie Fahrt. Ardizoglou, der Doppeltorschütze, wirkte dabei so abgeklärt, dass man fast glaubte, er habe das Drehbuch schon vorher gelesen. "Ich wollte einfach Spaß haben", sagte er mit einem Augenzwinkern. "Vier Tore für uns, das war schon okay. Ich hätte auch fünf genommen." Cerrense fand nie den Zugriff. Trotz eines aggressiveren Anlaufs nach der Pause (die Taktik umgestellt auf "Center" und "starker Einsatz") blieb der Ertrag mager. Javier Veloso, der auffälligste Spieler bei den Gastgebern, durfte sich immerhin eine Gelbe Karte (66.) als Souvenir sichern. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", rechtfertigte er sich lachend. Wenig später wurde bei Nacional Marcio Nene ebenfalls verwarnt (65.) - kurz bevor Trainer Rausch ihn vorsichtshalber auswechselte. "Der Junge war heiß. Zu heiß", meinte Rausch trocken. Während Nacional mit 19 Torschüssen das Spiel dominierte, kam Cerrense auf ganze drei. Selbst der Ballbesitzvorteil (52:48 Prozent) wirkte wie eine statistische Täuschung - etwa so vielsagend wie ein Schönwetterbericht im Sturm. Die Zweikampfquote (43 zu 56 Prozent) unterstrich den Unterschied in Biss und Konsequenz. Nacional spielte, Cerrense schaute. Nach dem Schlusspfiff applaudierten die Fans - die einen vor Begeisterung, die anderen aus Selbstironie. Ein älterer Cerrense-Anhänger fasste es auf der Tribüne zusammen: "Wir hatten den Ball, sie hatten die Idee." Treffender lässt sich dieses Spiel kaum beschreiben. Trainer Gnipeur nahm die Pleite mit Galgenhumor: "Manche Tage gewinnst du, andere lernst du. Heute haben wir wohl promoviert." Und während Nacional jubelnd in die Kabine verschwand, blieb Cerrense auf dem Rasen stehen - ein bisschen ratlos, aber immerhin mit fairer Haltung. Vielleicht war dieser Abend eine Lehrstunde. Oder, wie Ardizoglou grinsend sagte, bevor er in den Mannschaftsbus stieg: "Der Fußball ist einfach - wenn man ihn versteht." Und Nacional schien ihn an diesem Abend ziemlich gut verstanden zu haben. 19.11.643990 16:16 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel