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Ein kalter Dienstagabend in Berlin, 34.750 Zuschauer im Stadion an der Allee der Kosmonauten, und man konnte meinen, der FC Marzahn wolle die Gäste aus Papenburg gleich in den ersten Minuten aus dem Stadion jagen. Schon in der 4. Minute knallte Jake Carsley den Ball nach feinem Zuspiel von Aitor Coluna in die Maschen. 1:0, und die Heimfans sangen, als würde die Tabelle morgen Kopf stehen. "Das war unser bester Start seit Langem", meinte Marzahns Trainer Frank Henning später mit einem Seufzer. "Leider dauert ein Spiel länger als vier Minuten." Denn kaum hatten sich die Berliner auf warme Gedanken eingestellt, schlug SC Papenburg zurück. Domingo Xavier, gerade 22 und mit der Energie eines Espresso-Doppels, traf in der 16. Minute nach Vorarbeit von Innenverteidiger Günther Böhme. 1:1 - und das Spiel war wieder offen. Von da an entwickelte sich ein Schlagabtausch, der den Ballbesitzwerten (52,6 % für Marzahn, 47,4 % für Papenburg) spottete: Es ging hin und her, als wäre das Leder ein besonders unruhiger Gast. Bis zur Halbzeit blieb es beim Remis, doch schon da zeichnete sich ab, dass Papenburg die gefährlichere Mannschaft war. 17 Schüsse aufs Tor standen am Ende auf ihrem Konto, während Marzahn zwar 14 zählte, aber zu oft in die Arme des souveränen Keepers Jay Neil zielte. Nach der Pause kam Marzahn mit frischem Mut aus der Kabine - und tatsächlich: Michele Santoro brachte die Hausherren in der 48. Minute wieder in Führung. Pedro Valdes hatte den Ball klug durchgesteckt, Santoro zog ab, und der Jubel hallte bis zum S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße. Doch ehe die Fans sich richtig hinsetzen konnten, lag der Ball schon wieder im Netz - diesmal auf der anderen Seite. Nur fünf Minuten später, in Minute 53, traf Xabier Galan für Papenburg, erneut nach Vorlage von, man ahnt es, Günther Böhme. Und dann begann das, was man in Marzahn künftig wohl "die zwölf Minuten des Grauens" nennen wird: Hugo Ronaldo erzielte in der 57. das 3:2 für die Gäste, Harald Geiger legte in der 68. das 4:2 nach. Spätestens da war der Widerstand der Hausherren gebrochen. "Wir haben das Spiel eigentlich gut kontrolliert", behauptete Papenburgs Trainer Frank Helmbrecht nach Abpfiff mit einem Grinsen, das verriet, dass er selbst nicht so recht wusste, wie seine Mannschaft das geschafft hatte. "Unsere Jungs wollten einfach mehr. Das war Einstellungssache." Henning hingegen stand mit verschränkten Armen in der Mixed Zone und murmelte: "Wenn du vier Gegentore kriegst, musst du über Abwehrarbeit sprechen. Aber ehrlich - die haben halt auch einfach gut geschossen." In der Tat: Papenburgs Schüsse kamen aus allen Lagen, kompromisslos und mit jener Art Selbstbewusstsein, das man nur hat, wenn man weiß, dass der Gegner defensiv auf "WEAK" eingestellt ist - was Marzahns Taktikdaten ja auch ungewollt bestätigten. Die Gäste hingegen spielten von Beginn an "OFFENSIVE", aggressiv, stark im Zweikampf (51,3 % gewonnene Duelle) und mit der Lust, jederzeit abzuziehen ("ANYTIME"). Ein kurzer Hoffnungsschimmer für die Berliner kam in der 75. Minute, als Alex Bruni nach einem Freistoß knapp über die Latte köpfte. "Ich hab den Ball schon drin gesehen", sagte er später, "aber der Papenburger Keeper hat wohl Magneten in den Handschuhen." Kurz darauf kassierte Peter Mann noch Gelb (50.), sinnbildlich für den Frust, der sich breitgemacht hatte. Die letzten Minuten verstrichen, ohne dass Marzahn noch einmal gefährlich wurde. Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierten selbst viele Heimfans den Gästen - wohl auch, weil man das Gefühl hatte, hier war einfach die reifere, mutigere Mannschaft am Werk. Papenburgs Doppeltorschütze war keiner, aber ihr Trio aus Xavier, Galan und Ronaldo hatte das Spiel in einer knappen Viertelstunde entschieden. Harald Geigers Treffer setzte die Krone drauf - ein Sonntagsschuss an einem Dienstagabend. "Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur schöne Pässe spielen, sondern auch Tore machen können", sagte Galan strahlend. Sein Trainer nickte. "Wenn wir so weiterspielen, kaufen wir bald Dauerkarten für die obere Tabellenhälfte." Und Marzahn? Die müssen sich wohl mit den kalten Realitäten des Winters abfinden. Zwei Tore, viel Ballbesitz, aber keine Punkte - das ist Fußball, manchmal grausam ehrlich. Oder wie ein Fan beim Bierstand murmelte: "Wir führen 1:0, dann 2:1, und am Ende sieht’s aus, als hätten wir gar nicht mitgespielt. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal einfach erst in der 70. Minute anfangen." Ein bitterer Abend für den FC Marzahn, ein goldener für den SC Papenburg - und ein Spiel, das wieder einmal bewies: Statistik ist schön, Tore sind schöner. 07.06.643987 01:26 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund