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Ein 4:4, das sich anfühlt wie ein 0:1 - so könnte man das Spiel zwischen Ludwigshafen und Osnabrück am 3. Spieltag der 1. Liga Deutschland zusammenfassen. Vor 38.992 Zuschauern im ausverkauften Stadion lieferte Ludwigshafen zunächst eine Gala erster Güte ab, führte zur Pause 4:1 - und taumelte am Ende doch in ein 4:4 hinein, das Trainer Frank Seil mit glasigem Blick kommentierte: "Ich wusste gar nicht, dass 45 Minuten so lang sein können." Dabei sah in der ersten Halbzeit alles nach einem klaren Heimsieg aus. Nach Osnabrücks frühem Treffer durch Benjamin Heuer (23.) - ein Schuss aus halbrechter Position nach Zuspiel von Helmut Göbel - schüttelte Ludwigshafen nur kurz den Kopf und antwortete wütend. Filip Krejci (26.) besorgte den Ausgleich nach feinem Pass von Joel Fournier, und dann begann die große Show des 20-jährigen Olaf Christensen. Zweimal innerhalb von zwei Minuten (34., 36.) traf der bullige Mittelstürmer, beide Male nach butterweichen Flanken von Damian Iniguez. Als Marcio Coelho (39.) kurz vor dem Pausenpfiff das 4:1 nachlegte, wischte sich Gästecoach Carsten Baumann den Stirnschweiß ab und murmelte: "Das wird ein langer Abend." Und er sollte recht behalten. Denn nach der Pause veränderte sich das Spielgesicht komplett. Osnabrück kam mit wild entschlossenem Blick aus der Kabine, stellte auf langes Passspiel und aggressives Pressing um - und Ludwigshafen schien überrascht, dass der Gegner noch mitspielen wollte. Heuer (55.) erzielte mit seinem zweiten Treffer das 4:2, und plötzlich flatterten die Nerven. "Wir wollten eigentlich ruhig bleiben", sagte Ludwigshafens Kapitän Joel Fournier später, "aber dann hat jeder angefangen, seine eigene Taktik zu spielen." Zu allem Überfluss verletzte sich Rechtsverteidiger Oleg Smertin (56.) bei einem Zusammenprall und musste raus. Für ihn kam Abbas Bischara, der allerdings mehr für die Offensive als für defensive Stabilität bekannt ist. Trainer Seil erklärte später mit einem Seufzer: "Das war wie ein Dachdecker ohne Leiter - er wollte helfen, kam aber nicht hoch genug." Osnabrück witterte seine Chance. Heuer blieb unermüdlich, rannte, schoss, dirigierte - und sah in der 84. Minute, wie sein Schuss zum Hattrick ins Netz zappelte. Vorbereiter diesmal: der eingewechselte Marco Richter, der mit 31 Jahren noch einmal zum Unruhestifter wurde. Ludwigshafen wirkte nun wie eingefroren, die Beine schwer, der Kopf leer. "Ich hab’ die Uhr angeschaut und gedacht: Nur noch fünf Minuten, das schaffen wir", sagte Torwart Humberto Barreda. Er irrte. In der 93. Minute rauschte Osnabrück noch einmal an. Marvin Kroll chipte den Ball an den Strafraumeck, Richter nahm ihn volley - 4:4! Das Stadion verstummte für einen Moment, dann hörte man nur noch den Jubelblock der 5.000 mitgereisten Osnabrück-Fans. "Wir haben nie aufgehört zu glauben", grinste Baumann später, "auch wenn wir zur Halbzeit auf dem Papier schon tot waren." Statistisch gesehen war das Spiel fast ausgeglichen: 50 Prozent Ballbesitz für beide, 15 Torschüsse Ludwigshafen, 9 für Osnabrück. Doch der Unterschied lag im Kopf. Während Ludwigshafen nach der Pause in den Verwaltungsmodus schaltete, spielte Osnabrück, als ginge es ums Überleben. Gelbe Karten für Patrik Voss (52.) und Dirk Mai (82.) störten da kaum. In der Mixed Zone fragte ein Reporter Benjamin Heuer, ob er an den Ausgleich noch geglaubt habe. "Klar", grinste der Dreifachtorschütze. "Nach dem 4:1 hab ich gesagt: Jungs, wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Drama." Auf Ludwigshafener Seite war die Stimmung weniger gelöst. Trainer Seil stand minutenlang am Spielfeldrand, blickte auf die Anzeigetafel und murmelte: "Manchmal ist Fußball einfach ein schlechter Witz." Olaf Christensen, der Doppeltorschütze der ersten Halbzeit, saß mit leerem Blick auf der Bank. "Ich hätte lieber 1:0 gewonnen, als zweimal zu treffen und dann so zu enden", sagte er leise. Osnabrück hingegen feierte das Remis wie einen Sieg. Keeper Karl Wagner, der in der 53. Minute für den jungen Robert Paul eingewechselt wurde, fasste es trocken zusammen: "Ich kam rein, und plötzlich lief’s. Vielleicht sollte ich öfter erst zur zweiten Halbzeit kommen." Das Publikum bekam jedenfalls alles, was man von einem Dienstagabend um 20:30 Uhr erwarten kann: acht Tore, Dramatik, Emotionen - und ein Lehrstück in Sachen Hybris und Hoffnung. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich hab schon viele Spiele gesehen - aber so eins? Das war kein Fußball. Das war Theater." Und das Publikum klatschte - selbst die Ludwigshafener. Wenn man schon verliert, dann wenigstens schön. Oder, wie es in diesem Fall hieß: unentschieden mit Stil. 16.12.643993 08:55 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer