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15406 frierende, aber tapfere Zuschauer im Stadion an der Oberen Au sahen am Mittwochabend ein Spiel, das in die Kategorie "Arbeitssieg mit dramatischem Abgang" fällt. FC Chur gewann gegen Racing Club GE mit 1:0 - ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber in Wahrheit ein kleines Lehrstück über Geduld, Aluminiumpech und späte Erlösung war. Von Beginn an war Chur das dominierende Team: 63 Prozent Ballbesitz, 12 Torschüsse gegenüber nur 3 der Gäste - das Zahlenwerk spricht eine klare Sprache. Doch wer nur auf Statistiken schaut, hätte die Emotionen dieses Abends verpasst. Racing Club GE, jung, wild und taktisch erstaunlich diszipliniert, stellte sich tief, lauerte auf Fehler - und brachte die Hausherren mit ihrer stoischen Ruhe fast zum Verzweifeln. Bereits in der 14. Minute prüfte Joel Lockwood den Gästekeeper mit einem satten Linksschuss. Der Ball zischte gefährlich nah am Pfosten vorbei. "Ich dachte, er sei schon drin", grinste Lockwood später, "aber anscheinend war das Tornetz beleidigt und hat den Ball wieder ausgespuckt." Nur vier Minuten später versuchte sich Alexandre Reuter aus ähnlicher Position - diesmal flog der Ball so hoch, dass man meinen konnte, er wolle die Alpen überqueren. Bis zur Pause blieb es beim 0:0, und auf den Rängen machte sich eine Mischung aus Ungeduld und Kälte breit. "Ein Glühwein hilft nur begrenzt, wenn man seit 40 Minuten auf ein Tor wartet", murmelte ein Churer Fan hinter der Pressetribüne. Trainer Truthan Trainer (ja, der Name ist Programm) schickte seine Jungs aus Genf mit der Devise "Offensiv, aber ohne Risiko" in die zweite Halbzeit. Ein Plan, der auf dem Papier gut klang, in der Praxis aber an Churs stabiler Defensive zerschellte. Stattdessen sammelte die Heimmannschaft weiter Chancen: Jacob Freitag (48.) zwang den Torwart mit einem strammen Schuss zu einer Glanzparade, Reuter (50.) verfehlte erneut knapp, und in der 70. Minute hatte Lockwood wieder Pech - diesmal rettete die Latte. "Ich hab’ kurz überlegt, ob ich die Latte danach umarme", witzelte er nach dem Spiel. "Aber sie war heißer als ich - also besser nicht." In der 47. Minute gab’s noch die einzige gelbe Karte der Partie: Jacob Freitag, sonst eher als laufstarker Antreiber bekannt, holte sich sie für ein rustikales Einsteigen ab. Trainer Müller vom FC Chur (der sich gewohnt gelassen gab) meinte später: "Jacob wollte wohl zeigen, dass er auch Körper kann. Ich hab ihm gesagt, er soll lieber den Ball treffen, das sieht schöner aus." Racing Club GE wechselte dreimal, brachte frisches Blut - Thomas Eckert, Frank Michaud und Robert Featherstone - doch die erhoffte Wende blieb aus. Chur ließ den Ball laufen, spielte ruhig, fast geduldig - als wüssten sie, dass ihre Stunde noch kommen würde. Und sie kam. 87. Minute: Wieder war Lockwood zur Stelle. Nach einem kurz ausgeführten Eckball von Joseph Devereux zog der Engländer von links nach innen, legte den Ball auf seinen rechten Fuß - und diesmal passte alles. Flach, präzise, unhaltbar. 1:0. Das Stadion erwachte aus der Winterstarre. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du 86 Minuten lang daneben zielst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der nächste reingeht", meinte Lockwood lachend. Sein Trainer nickte zufrieden: "Das war kein Zufall. Joel trainiert diese Schüsse - meistens allerdings ins Fangnetz." Die letzten Minuten brachten Racing noch einmal in Churs Hälfte, aber mehr als ein harmloser Kopfballversuch von Phillip Fouquet sprang nicht heraus. Chur verteidigte clever, Keeper Heinz Dietrich verbrachte einen ruhigen Abend - ein schöner Job, wenn man bedenkt, dass die Gäste in 90 Minuten nur dreimal aufs Tor schossen. So blieb es beim 1:0, einem Resultat, das in der Tabelle mehr zählt als in der Ästhetikwertung. Doch für Chur war es ein Sieg der Reife: geduldig, kontrolliert, mit dem entscheidenden Punch zur rechten Zeit. Zum Schluss sagte ein Fan mit Schal bis unter die Nase: "Ich frier zwar, aber wenigstens mit drei Punkten." Treffender lässt sich dieser Abend kaum zusammenfassen. Und wer weiß - vielleicht wird man in Chur irgendwann sagen: Das war der Abend, an dem Joel Lockwood nicht nur das Tor, sondern auch die Herzen der Fans traf. 07.09.643987 20:05 |
Sprücheklopfer
Herzlichen Glückwunsch an Marco Kurz. Seine Frau ist zum zweiten Mal Vater geworden.
Thomas Häßler